Serie "Identitäten" - neunte Folge : Der befreite Wille

Nie konnten Menschen so selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden wie heute. Manche fürchten, das könnte uns überfordern. Doch das Gegenteil ist der Fall, sagt der Philosoph Michael Pauen: Soziale Fähigkeiten werden durch Freiheitsspielräume sogar gefördert.

von
Bitte schön was abgeben. Menschen teilen fast immer halbe-halbe, wenn sie darum gebeten werden: Ein Zeichen für unseren Altruismus. In modernen Gesellschaften können auch schon kleine Kinder die Gedanken anderer verblüffend gut deuten. Foto: Caro
Bitte schön was abgeben. Menschen teilen fast immer halbe-halbe, wenn sie darum gebeten werden: Ein Zeichen für unseren...Foto: Caro / Sorge

Eines der charakteristischsten Kennzeichen moderner westlicher Gesellschaften ist ihre Tendenz zur Individualisierung. Wurde früher unser Verhalten sehr stark durch allgemeine Regeln sowie durch Herkunft, Geschlecht und den sozialen Status der Eltern bestimmt, so entscheiden wir heute selbst über Ausbildung, Beruf, Wohnort, Partnerschaft und vieles andere mehr. Verbunden ist damit eine erhebliche Ausweitung unserer Freiheitsspielräume, auf der anderen Seite nehmen Entscheidungsdruck und Unsicherheit zu. Unklar ist nicht nur, wie wir selbst uns entscheiden sollen, unklar ist auch, wie andere sich entscheiden werden.

Doch so überraschend unsere Entscheidungen und unser Sozialverhalten oft auch erscheinen mögen – in Wirklichkeit folgen sie bestimmten Regeln und Prinzipien. Diese sind in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus von Psychologie und Neurowissenschaften geraten. Deren Erkenntnisse können nicht nur das Verständnis unseres Sozialverhaltens verbessern. Vielmehr können sie uns helfen, besser mit unseren Freiheiten und den damit verbundenen Unsicherheiten umzugehen.

Wie eng der Zusammenhang zwischen unseren geistigen Fähigkeiten und unserem Sozialverhalten ist, lässt sich am besten daran erkennen, dass es offenbar vor allem Anforderungen unseres Soziallebens waren, die den Anstoß für die Entwicklung des menschlichen Gehirns gegeben haben und damit auch für den immensen Aufwand, den die Evolution hier getrieben hat. Das Gehirn, so hat sich in den letzten Jahren mit zunehmender Deutlichkeit gezeigt, ist ein „soziales Organ“. Dabei müssen soziale Fähigkeiten nicht unbedingt „gut“ sein. Eines der besten Indizien für die Intelligenzentwicklung sozialer Lebewesen ist deren Fähigkeit, Artgenossen zu täuschen.

Tatsächlich zeichneten die frühen sozialpsychologischen Untersuchungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ein ziemlich düsteres Bild von unseren sozialen Fähigkeiten. So verabreichten Versuchspersonen in einem Experiment des amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram bereitwillig lebensgefährliche Elektroschocks, solange man ihnen glaubhaft versicherte, dies sei im Namen der Wissenschaft notwendig.

Traurige Berühmtheit hat auch das Stanforder Gefängnisexperiment von Milgrams Kollegen Philip Zimbardo erlangt. Dort verwandelten sich ganz normale, sorgfältig ausgesuchte Probanden in rücksichtslose Aufseher oder willenlose Gefangene – je nachdem, welche Rolle man ihnen zuwies. Die Aufseher schikanierten die Gefangenen, diese ließen sich das nahezu widerstandslos gefallen. Selbst die Versuchsleiter verloren ihre Distanz und verhielten sich am Ende wie eine Gefängnisbehörde. Das Experiment musste abgebrochen werden, weil es völlig aus dem Ruder gelaufen war.

Zweifellos zeigen die Experimente Extremsituationen; dennoch geben sie Aufschluss auch über unser Verhalten unter normalen Bedingungen. Das Stanforder Experiment zeigt insbesondere, wie stark wir uns an den Erwartungen und Maßstäben unserer Gruppe orientieren. Wie wir aus Berichten von Kriegsverbrechen wissen, können auch brave Familienväter fundamentale moralische Normen über Bord werfen. Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen ist angesichts der Auflösung stabiler Gruppen und sozialer Milieus heute von besonderer Bedeutung – spontane Gruppengewalt von Hooligans oder Jugendgangs ist hier nur ein Beispiel.

Immerhin haben längst nicht alle Experimente zu so erschreckenden Ergebnissen geführt. So konnte man zeigen, dass Menschen sich zuweilen geradezu altruistisch verhalten. Müssen sie mit anderen teilen, dann bieten sie diesen nahezu die Hälfte an. Affen dagegen sind reine Egoisten; sie nehmen einfach, was sie bekommen können. Außerdem sind wir unter bestimmten Bedingungen bereit, uns in die Lage von anderen zu versetzen und mit ihnen zu fühlen. So konnte die Leipziger Neurowissenschaftlerin Tania Singer kürzlich zeigen, dass die Schmerzzentren in unserem Gehirn auch dann aktiv werden, wenn andere Menschen Schmerzen spüren.

Doch um uns in einer komplexen Gesellschaft zurechtzufinden, müssen wir nicht nur die Gefühle, sondern auch die Gedanken anderer kennen. Schließlich lassen sich auch unsere Mitmenschen heute viel stärker von eigenen Wünschen und Gedanken bestimmen als dies in traditionellen Gesellschaften der Fall war, wo allgemeine Regeln und Gebräuche das Verhalten vorhersehbar machten. Tatsächlich haben schon kleine Kinder vom Ende des ersten Lebensjahres an überraschend genaue Vorstellungen von den Gedanken anderer. Schwierigkeiten bereitet ihnen lediglich das Erkennen gespielter Überzeugungen – hieran scheitern oft noch Drei- bis Vierjährige. Bemerkenswert, dass diese Fähigkeit in traditionellen, sozial orientierten Gesellschaften erheblich schwächer ausgeprägt ist: Kinder auf Samoa, wo das Sprechen über eigene Befindlichkeiten verpönt ist, erreichen erst mit 11 Jahren das Niveau fünfjähriger Kinder hierzulande.

Offenbar fordert die Individualisierung also nicht nur soziale Fähigkeiten, sondern fördert auch deren Entwicklung. Unser Gehirn bietet daher mit seinen sozialen Fähigkeiten gute Voraussetzungen für die Entwicklung unterschiedlicher Gesellschaftsformen. Wie diese Gesellschaften sich entwickeln, hängt aber nicht nur von biologischen, sondern auch von kulturellen Voraussetzungen ab.

Menschen besitzen neben bemerkenswerten sozialen Fähigkeiten auch ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Gemeinschaft. Wird es nicht erfüllt, dann kann das schwerwiegende Konsequenzen haben. Wer alleine lebt, der wird im Allgemeinen öfter krank, lebt weniger lange und hat viel größere Schwierigkeiten, seine Fähigkeiten auszubilden.

Kleine Kinder, denen die notwendigen sozialen Bindungen fehlen, erleiden schwerwiegende Defizite in ihrer kognitiven Entwicklung. Und werden wir aus einer Gruppe ausgeschlossen, so reagieren wir selbst dann mit schwerem Stress, wenn wir mit den Mitgliedern der Gruppe eigentlich gar nichts zu tun haben wollen – etwa weil es sich um üble Rassisten handelt. Offenbar ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft so tief verwurzelt, dass wir es nur schwer steuern können.

Der Individualisierungsprozess befreit uns nicht nur von traditionellen Regeln und Zwängen. Er unterwirft uns auch einem fortwährenden Entscheidungszwang in Situationen, in denen früher soziale Regeln, Familie oder andere Autoritäten festlegten, was zu tun war. Brisant ist diese Beobachtung nicht zuletzt deshalb, weil immer wieder behauptet wird, neurobiologische oder psychologische Studien hätten gezeigt, dass wir zu Entscheidungen, zumindest zu rationalen Entscheidungen gar nicht in der Lage seien.

Lesen Sie in Teil 2: Die neurobiologischen Studien werden überinterpretiert.

Seite 1 von 2
  • Der befreite Wille
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben