Serie "Identitäten" - sechste Folge : Nach Identitäten graben

Geborgte Bräuche, neue Sitten: Archäologie spürt Identität nach, indem sie die materielle Kultur einer Stadt entschlüsselt. Was dabei zu berücksichtigen ist, erläutert Friederike Fless im sechsten Teil unserer Serie.

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Berliner Ausgrabungen. Archäologen arbeiten in Berlin-Mitte und bringen dort Fundstücke aus dem historischen Zentrum zutage.
Berliner Ausgrabungen. Archäologen arbeiten in Berlin-Mitte und bringen dort Fundstücke aus dem historischen Zentrum zutage.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Fragt man einen Berliner, was seine Identität als Berliner ausmacht, wird er wohl höchst selten sagen „Berliner Weiße mit Schuss“. Dies verwundert auf den ersten Blick, besitzt das Getränk doch wie der Berliner namentlich eine Berliner Identität. Können aber ein Gegenstand wie die Schale auf hohem Fuß und ihr Inhalt überhaupt zum Bestandteil der Identität einer Person werden? Und was macht überhaupt die Identität einer Person aus?

Der Identitätsnachweis kennt darauf eine eindeutige Antwort. Im Personalausweis wird die Identität eines Menschen definiert durch Name, Geburtsdatum, Nationalität, Unterschrift und Foto. Erst auf der Rückseite wird dann eine Person zum Berliner, wenn sie denn ihren Wohnort in der Stadt hat. Demnach sind es Kenndaten, die ein Individuum eindeutig beschreiben und von anderen Individuen unterscheiden. In der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit liegt auch die zentrale Definition von Identität begründet.

Nun würde sich jeder, reduziert auf ein paar Kenndaten, aber wiederum nur in rudimentären Grundzügen beschrieben fühlen. Jeder würde sagen, dass es noch mehr Facetten sind, aus denen sich seine Unverwechselbarkeit zusammensetzt. Wenn Identität aber im strengen Sinne an der Idee des Einmaligen und Unverwechselbaren von Individuen hängt, kann es dann überhaupt eine Gruppenidentität als Berliner geben und wie kann man diese beschreiben?

Aus archäologischer Perspektive, also aus der Perspektive jener Wissenschaft, die sich mit der materiellen Kultur vergangener Gesellschaften beschäftigt, würde man zur Beschreibung der Identität der Berliner die Gegenstände in den Blick nehmen, die materielle Kultur der Stadt. Nun würden in Berlin als Ausgrabungsplatz Millionen und Abermillionen von Gegenständen zutage kommen. Hinzu kommen öffentliche Räume und Gebäude, Häuser, Fahrzeuge, S- und U-Bahn und so fort.

Ein Grabungsmagazin, das alle diese Gegenstände aufnehmen könnte, müsste eigentlich so groß sein wie die Stadt selbst. Wie kann man aber nun aus diesen riesigen Fundmengen von Gegenständen, diesem Gemischtwarenladen und dieser Ansammlung global genormter Produkte auf ein komplexes Phänomen wie Identität schließen? Dies ist ein Grundproblem archäologischer Forschung, egal welche Epoche erforscht wird.

Für die griechische Antike geben Schriftquellen jedoch einen Hinweis, wie über die Übernahme oder die Ablehnung spezifischer Gegenstände eine Gemeinschaft eine eindeutige, einmalige und unverwechselbare Identität zu konstruieren versucht. So berichtet der griechische Historiker Herodot über eine Entscheidung der Bewohner der Insel Aegina und der Stadt Argos: „... nichts Attisches mehr, auch keine attischen Tongefäße, sollten sie in den Tempel bringen; es sollte als Gesetz gelten, dass man dort künftig aus einheimischen Gefäßen trinke.“ Die Aegineten und Argeier fassen nach einer Auseinandersetzung mit Athen also den Beschluss, sich in der Tracht, aber auch bei den Kulthandlungen bewusst von den Athenern abzusetzen. Dabei wollen sie in den Tempeln nur noch einheimische Keramik nutzen und nicht mehr die attische Keramik. Die materielle Kultur wird also gezielt eingesetzt, um sich von Athen abzugrenzen, unverwechselbar zu werden und darüber gleichzeitig die Identität der Gemeinschaft zu formen.

Auch spezifische Trinksitten können eine Gruppe charakterisieren. So wird Kritias, ein Autor der klassischen Zeit, mit der Bemerkung zitiert: „Der Chier und Thasier trinkt aus großen Bechern rechts herum, der Attiker aus kleinen rechts herum, der Thessaler kommt mit großen Trinkgefäßen jedem beliebigen vor; bei den Lakedämoniern dagegen hat jeder seinen eigenen Becher zum Trinken neben sich und der Schenkknabe gießt zu, so viel man abgetrunken hat.“

Beim Symposion, jenem Trinkgelage, das die Griechen auf Klinen(Ruheliegen) liegend durchgeführt haben, gab es somit lokale Unterschiede. Diese artikulierten sich in der Größe der Trinkgefäße und der Art des Trinkens. Einmal reicht man den Becher rechts herum oder man hat keine Reihenfolge oder jeder hat seinen eigenen Becher neben sich und der Schenkknabe füllt stetig nach. Identität ergibt sich hier aus der Gefäßform und vor allem der spezifischen Form des Umgangs mit einem Gefäß.

Wie kann man aber solche Eigenheiten, die sich in einer bestimmten Form des Umgangs mit einem Gefäß abzeichnen, bei Ausgrabungen fassen? Das Gefäß selbst gibt schließlich noch keine Auskunft darüber, wie man es nutzte. Letztlich kann man dies nur darüber ermitteln, dass man bei einer Ausgrabung nicht nur den Fund, etwa den Becher, registriert, sondern auch den Befund, also den spezifischen Fundkontext dokumentiert. Man erfasst alle Gegenstände, die mit dem Becher zusammen gefunden wurden, beschreibt den Raum, in dem der Becher genutzt wurde, um aus der Kombination aller Informationen, auf Orte der Handlung und Handlungsabläufe zu schließen. Wenn man sehr viel Glück hat, geben Bilder oder Schriftquellen zusätzlich Auskunft. Zumeist fehlen diese aber.

Als Ergebnis einer solchen Ausgrabung können sich dann spezifische Bilder von Trinksitten ergeben, die wiederum gruppenspezifisch sein können. Wenn man die Wiesn in München ausgraben würde, dann würde man Maßkrüge in einem spezifischen Kontext finden und auf eine bestimmte Trinkkultur zurückführen können. Die Existenz der langen Tische im Festzelt und die Schwere des Trinkgefäßes lassen vermuten, dass an langen Tischen in einem Festzelt im Sitzen getrunken wurde. Dazu gehörten, wenn im Grabungsbefund diese Gegenstände aus vergänglichem Material überhaupt erhalten sind, offensichtlich auch bestimmte Trachteigenheiten wie Lederhose und Dirndl.

In Köln hingegen lässt die Glasgröße, in Kombination mit der Ausgrabung einer Kölschkneipe und dem spezifischen Tablett des Köbes, des Kellners im Brauhaus, auf eine ganz andere, weniger statische Trinkkultur schließen. Letztlich ließe sich auch die Berliner Trinksitte, der Berliner Weiße, mit der spezifischen Trinkgefäßform und natürlich auch der damit verbundenen Trinkkultur mit Strohhalm aus Grabungsbefunden rekonstruieren.

Nun führt das Beispiel der Wiesn zu einem zentralen Problem der archäologischen Erforschung von Identität. Bei der Wiesn in München ziehen Japaner, Amerikaner und viele andere Menschen, die nicht aus München kommen, eine bayrische Tracht an und ordnen sich in das kollektive Ritual gemeinsamer Trinksitten ein. Alle diese Menschen haben nun wirklich eine unterschiedliche Identität, wenn man in ihren Pass schaut. Allein temporär ordnen sie sich einem neuen Kontext zu und erhalten eine geborgte bayrische Identität, die zumindest in einer kurzen Phase des Jahres Gültigkeit besitzt. Solche Phänomene werden, wenn sie sich stabiler ausbilden, als kollektive oder kulturelle Identität bezeichnet und sind letztlich konstruiert und veränderbar.

In Umkehrung hierzu könnte die Vielfalt der Trinksitten in Berlin, wo sich vom Maßkrug bis zum Kölschglas alle Trinkgefäßformen und alle Trinksitten finden und die Berliner Weiße überlagern, dafür sprechen, dass es keine durch Gegenstände definierte einmalige und unverwechselbare Berliner Identität gibt. Kann man damit aber für eine solche Stadt wie Berlin einen Identitätsverlust konstatieren? Löst sich Berlin in eine multikulturelle Beliebigkeit auf und ist der Begriff der Identität überhaupt noch geeignet, eine solche Vielfalt zu beschreiben?

Die große Stärke des Begriffs Identität liegt darin begründet, dass er es erlaubt, das Spannungsfeld zwischen der einmaligen und unverwechselbaren Identität des Individuums und den kollektiven Formen der Identität zu beschreiben. Begreift man Identität auch als eine Größe, die veränderbar und aktiv konstruierbar ist, wird die Berliner Identität durch den Facettenreichtum der Zuordnungsmöglichkeiten definiert. Man kann von Kiez zu Kiez oder auch von Gruppe zu Gruppe Identitäten annehmen.

Wie gut eine Gesellschaft damit klarkommt, bestimmt dann auch, inwieweit sie eine solche Vielfalt als positiven Teil ihrer Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit begreift oder Uneindeutigkeit und Vielfalt als Verlust begreift. Letzteres birgt die massive Gefahr eindeutiger Zuschreibungen zu politisch oder religiös definierten Identitätsgruppen, die leicht auch aggressiv abgrenzende, fundamentale Züge annehmen kann. Die Herausforderung in antiken Metropolen wie Rom oder Alexandria war hier nicht unähnlich.

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