Serie "Identitäten" - zweite Folge : Die Kreativen und die Abgehängten

Wie finden Berliner ihren Platz in der Metropole? Und was bedeutet es, wenn sie ihn nicht finden? Im zweiten Teil unserer Serie beschäftigt sich der Soziologe Hans Bertram mit dem Zusammenspiel von Stadt und Menschen.

Hans Bertram
Bis zur Erschöpfung. Wer Erfolg haben will in der Berliner Kreativwirtschaft, muss flexibel sein. Viele sind überfordert.
Bis zur Erschöpfung. Wer Erfolg haben will in der Berliner Kreativwirtschaft, muss flexibel sein. Viele sind überfordert.Foto: Kai-Uwe Heinrich

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts galt Berlin als eine der modernsten Städte der Welt: Die Elektroindustrie war hier als Zukunftsindustrie mit Siemens, AEG und Osram vertreten. Rundfunk, Film und Verlage prägten als Vorboten einer neuen Medienindustrie das Stadtklima ebenso wie die kulturellen Angebote. Neben einer weltweit vorbildlichen Verkehrsinfrastruktur gab es zugleich auch Grünflächen als Erholungsangebote. Auch Bildung wurde in der Berliner Politik groß geschrieben. Gleichzeitig waren alle Nachteile und Schrecken der Moderne, wie Arbeitslosigkeit, Armut und Vernachlässigung von Kindern aus benachteiligten Schichten, anzutreffen.

Nach der Wiedervereinigung zeigt Berlin überraschende Parallelen zu jener Zeit: Die Gesundheitswirtschaft floriert, auch wissenschaftliche Forschungseinrichtungen und die damit verbundenen kleineren und größeren Unternehmen. Es gibt eine neue Medienindustrie, in der Internet, Fernsehen, Rundfunk und freischaffende Künstler und Intellektuelle neue Formen der Zusammenarbeit ausprobieren. Und eine hoch entwickelte Kultur- und Kunstszene, die teilweise ganze Quartiere prägt: All dies erzeugt zusammen mit der Politik, den Verbänden und den Milieus im Westen wie im Osten für viele Menschen ein neues Lebensgefühl.

Ganz ohne Übertreibung kann man sagen, dass Berlin im 20. Jahrhundert durch eine Vielzahl von Umbrüchen geprägt wurde, die den alt eingesessenen ebenso wie den zugewanderten Berlinern ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft und Flexibilität abfordert.

Trotz vieler Ähnlichkeiten gibt es gewichtige Unterschiede. Das Berlin der zwanziger Jahre war auch eine Stadt der Industriearbeiter, die in Siedlungen in der Nähe ihrer Fabriken wohnten; ihr Lebensgefühl war zum einen geprägt durch die Zugehörigkeit zu ihrem Unternehmen, zum anderen auch durch die klare Lebensvorstellung, eine Familie zu gründen, mit Frau und Kindern zusammenzuleben. Sowohl im Westen wie im Osten der Stadt prägen diese Siedlungen heute noch das Bild vieler Quartiere.

Im Zentrum dieser Lebensvorstellung stand nicht die Frage, ob die Mutter und Hausfrau berufstätig war oder nicht: Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass auch im Westdeutschland der fünfziger Jahre etwa die Hälfte aller Mütter mit Kindern in den großen Städten arbeiten ging, obwohl es noch keine Teilzeittätigkeiten gab und die Kinderzahl in den Familien höher war.

Untersucht man die neuen Berufsgruppen, die heute das Bild der Stadt prägen, etwa Mitarbeiter in der Medienindustrie oder Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, ist festzustellen, dass diese Berufsgruppen auch in dem Alter, in dem die meisten Erwachsenen mit Kindern zusammenleben, nämlich zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr, sehr häufig als Single leben. In Berlin sind wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu rund 60 Prozent kinderlos, und auch 60 Prozent der Professorinnen haben keine Kinder gegenüber 40 Prozent der Professoren. Dies gilt auch für Journalisten, Künstler, Softwareingenieure, aber auch für weibliche Abgeordnete.

In seiner kulturellen Selbstwahrnehmung und im öffentlichen Diskurs wird Berlin stark durch diese Gruppen geprägt. Nun war auch im Berlin der zwanziger Jahre ein Lebensentwurf von Kinderlosigkeit und Alleinleben in manchen dieser Gruppen nicht unüblich. Als entscheidender Unterschied zu heute ist zu sehen, dass die jungen Erwachsenen viel länger brauchen, bis sie beruflich in diesen Bereichen wahrgenommen werden und etabliert sind. Erst damit können sie einen ungebundenen und selbstverantwortlichen flexiblen Lebensstil als Teil eines Lebens interpretieren, das auch noch andere Lebensmodelle zulässt. Wer die Ausbildung mit knapp 30 Jahren beendet hat und sich dann fünf oder sechs Jahre mit Zeitverträgen über Wasser hält, hat es zunehmend schwer, noch andere Lebensformen als Teil der eigenen Lebensperspektive zu entwickeln.

Neues auszuprobieren, sich auf Unsicherheiten einzulassen und flexibel immer wieder auf neue Anforderungen zu reagieren, ist sicherlich eine wichtige und auch gute Lebenserfahrung. Grundsätzlich muss dabei aber gesichert sein, dass diese unübersichtliche Lebensphase in eine klar strukturierte Lebensperspektive einmündet. Eine Großstadt wie Berlin lebt von dieser Flexibilität und kann stolz darauf sein, dass immer wieder Menschen in diese Stadt kommen, die sich auf Neues einlassen und Unsicherheiten in Kauf nehmen.

Die Menschen aber, die die öffentlichen Diskurse beeinflussen und die politische Zukunft der Stadt gestalten, müssen sich auch fragen, ob es ausreicht, darauf zu setzen, dass Berlin als attraktiver Standort von seiner Unfertigkeit lebt. Oder ob die Stadt nicht auch Gefahr läuft, wenn die Sicherheit von Lebensperspektiven nicht auch zum Thema gemacht werden, dass ein wichtiges Potenzial von Menschen verloren geht, die für die Zukunft der Stadt aber auch wichtig sind. Oder ob Berlin nicht gleichzeitig Gefahr läuft, Verlierer zu produzieren, die mit diesen Anforderungen an Flexibilität und Veränderungsbereitschaft nicht fertig werden.

So muss sich Berlin schon die Frage gefallen lassen, ob es tatsächlich ein Naturgesetz ist, dass Familien mit Kindern dazu neigen, mit ihrer Familie die Stadt zu verlassen, um im Umland zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Dabei geht es nicht nur um entgangene Steuern, die Berlin gut gebrauchen könnte, sondern möglicherweise auch um die Diskussion von Lebensperspektiven, die ein geringeres Maß an Flexibilität und ein höheres Maß an Sicherheit für die Betroffenen und vor allem für die Kinder gewährleisten sollen.

Die Menschen, die über die Zukunft Berlins nachdenken und dazu die politischen Entscheidungen treffen, müssen sich auch fragen, ob tatsächlich alle Menschen den Flexibilitätserwartungen dieser neuen Industrien, die den wirtschaftlichen Schwerpunkt dieser Stadt bilden sollen, gewachsen sind. Oder ob die recht klare Orientierung an den neuen Industrien und neuen Aufgaben und Themenfeldern nicht auch dazu führt, dass diejenigen, die keine Qualifikation dafür mitbringen, letztlich auf der Strecke bleiben. Als Konsequenz hat eine Stadt auf einmal mit Polarisierungstendenzen zu kämpfen: Auf der einen Seite finden diejenigen, die diesen Herausforderungen gewachsen sind, in Berlin alle Voraussetzungen, um ihre Talente zu entfalten. Andere aber finden überhaupt keine Möglichkeiten mehr. Die erstaunlichen Entwicklungen auf dem Berliner Arbeitsmarkt wären ein dringender Anlass, darüber genauer nachzudenken.

Wenig zukunftsweisend ist es auch für die Kinder dieser Stadt, wenn diejenigen, die es sich leisten können, an den Stadtrand oder in die Umlandgemeinden ziehen. In den Quartieren bleiben jene zurück, die sich das nicht leisten können, insbesondere die alleinerziehenden Mütter. Dort leben zunehmend Kinder mit ihren Familien, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen und in dieser Stadt besonders abgehängt werden. Im Unterschied zu anderen Großstädten war es immer eine Stärke von Berlin, dass die Quartiere ein gewisses Maß sozialer Durchmischung hatten, und es ist sinnvoll, darüber nachzudenken, wie sich diese Form aufrechterhalten lässt.

So ist abschließend eigentlich nur festzustellen, dass Berlin ähnlich wie in den zwanziger Jahren als Magnet für Talente aus vielen Bereichen große Chancen hat, Zukunftsperspektiven und Modelle zu entwickeln, die nicht nur für Berlin spannend und interessant sind. Aber es sollte nicht verkannt werden, dass die damit verbundenen Anforderungen von einer zunehmend größeren Zahl von Menschen möglicherweise nicht oder nur teilweise erfüllt werden können.

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