Seuchengefahr : Die Macht der Mikroben

Wie Seuchengefahr entsteht – und wie man sie verhindern kann.

Adelheid Müller-Lissner

Eigentlich ist es logisch, dass ein Biologe, der über ansteckende Krankheiten forscht, von den Themen Armut und Klimawandel nicht absehen kann. Sie sind ein Schwerpunkt in dem Buch des Berliner Infektionsexperten Stefan Kaufmann zum Thema „Wächst die Seuchengefahr?“. Vor allem in den armen und warmen Regionen der Welt sterben die Menschen heute schon in jungen Jahren an Infektionskrankheiten. Und von den elf Millionen Kindern, die in jedem Jahr ihren fünften Geburtstag nicht erleben, hatten die meisten eine Infektionskrankheit. Oft hätte durch eine Impfung oder ein Antibiotikum ihr Leben gerettet werden können.

Als Infektionsbiologe kennt und nennt Kaufmann diese Daten. Schon weniger selbstverständlich ist, dass er die Probleme auch aus eigener Anschauung kennt, etwa von seinen Forschungsreisen nach Südafrika. Und als Glücksfall mag man es betrachten, dass er dazu noch ziemlich gut erklären kann.

Der erste Teil seines Buchs wird dadurch zu einem empfehlenswerten Biologie-Kurzlehrgang darüber, wie das Immunsystem funktioniert, wie Mensch und Mikrobe meist mehr oder weniger friedlich zusammenleben, welche Ansätze es für Impfungen gibt, warum eine aus dem Nichts auftauchende Krankheit wie die Atemwegsinfektion Sars im Jahr 2003 so schnell eingedämmt werden konnte und aus welchen Gründen bei der Virusgrippe Influenza oder bei HIV und Tuberkulose die Chancen schlechter stehen.

Kaufmann erläutert, wie die drei Etappen der körpereigenen Krankheitsabwehr aufeinander abgestimmt sind, von natürlichen Barrieren der Haut und Schleimhaut über die immunologische Grundausstattung in Gestalt der Fresszellen bis zu den Antikörpern, dem Teil der Abwehr, der durch Infektionen im Lauf des Lebens hart erarbeitet wird. Wenn dieses Zusammenspiel der Kräfte veranschaulicht werden soll, ist in Biologieunterricht und Sachbüchern immer wieder von Grabenkämpfen und Bürgerkriegen im Körper die Rede. Aus gutem Grund. Was hier beschrieben werden muss, sind schließlich harte Auseinandersetzungen.

„Die körpereigene Abwehr ist eine äußerst schlagkräftige Waffe, und es ist schwer, bei deren Beschreibung auf kriegerische Begriffe zu verzichten“, sagt Kaufmann. Sympathisch trotzdem, dass er nach eigenem Bekunden auf die militärischen Vergleiche lieber verzichten würde. „Ich habe dies immer wieder versucht, bislang aber keine eindrückliche Alternative gefunden.“

Kaufmann plädiert vehement für das Impfen. Er begründet das im Kapitel „Ich und die anderen“ auch mit dem Schutz, den es für die Schwächeren, für Säuglinge und Immungeschwächte, bedeutet, wenn die anderen sich impfen lassen. Im Weltmaßstab kann er zeigen, dass privat unterstützte WHO-Impfprogramme in den letzten Jahren schon Millionen von Kinderleben gerettet haben. Und er macht darauf aufmerksam, dass die Pocken gerade rechtzeitig ausgerottet wurden: Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn es Aids und diese jahrhundertealte Plage der Menschheit gleichzeitig gegeben hätte.

Dass die Erderwärmung zur weiteren Verbreitung von Krankheiten wie der Malaria beitragen könnte, dafür möglicherweise aber von Viren übertragene „Erkältungskrankheiten“ zurückdrängen würde, wird angenehm unaufgeregt diskutiert. Die größte Seuchenbedrohung sieht Kaufmann ohnehin in der Kombination von engem Kontakt zwischen Mensch und Tier, von antibiotikaunterstützter Massentierzucht und globaler Mobilität. Das erhöhe in besorgniserregender Weise das Risiko, dass neue Krankheitserreger den Menschen befallen, von denen einer „das Zeug zu einer Pandemie“ haben wird. Also zu einer weltumspannenden Seuche.

Als schicksalhaft sieht Kaufmann diese Entwicklungen aber keinesfalls. Er setzt auf Programme zur Entschuldung der armen Länder, auf finanzielle Anreize zur Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe, auf das Zusammenspiel staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen mit Stiftungen wie der des Ehepaars Bill und Melinda Gates.

Skeptikern hält er ein afrikanisches Sprichwort entgegen: „Wenn du glaubst, dass du zu unscheinbar bist, um etwas zu bewegen, versuche mit einer Stechmücke in einem geschlossenen Raum zu schlafen.“ Infektionsbiologen wissen eben am besten, wie viel Power die Kleinsten der Kleinen haben können. Adelheid Müller-Lissner

Stefan Kaufmann: Wächst die Seuchengefahr? Globale Epidemien und Armut. Fischer 2008, 9,95 Euro.

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