Wissen : Silizium, Sauerstoff und Sammelklagen

Eine kurze Geschichte des Silikons.

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Silikon war schon immer gut für Missverständnisse. Das fängt mit dem Namen an. Manch Deutscher vermutet im kalifornischen „silicon valley“ wohl das Tal, aus dem die berüchtigten Brustimplantate kommen. Nur meinen die Amerikaner mit silicon das Element Silizium. Die langkettigen Verbindungen von Silizium und Sauerstoff, die in Deutschland Silikon heißen, nennen sie „silicone“.

Seit französische Behörden tausenden Frauen empfohlen haben, ihre Brustimplantate der Firma PIP austauschen zu lassen, ist Silikon wieder in aller Munde. Dabei kann leicht der Eindruck entstehen, Silikon werde weltweit vor allem hergestellt, um Frauen zu einer größeren Oberweite zu verhelfen – oder Männern zu Knackarsch und Six-Pack. In Wirklichkeit ist der Stoff eines der vielseitigsten Materialien überhaupt.

Silikone sind lange Ketten, in deren Rückgrat sich Silizium- und Sauerstoffatome abwechseln. Weil diese beiden Elemente sich besonders gern miteinander verbinden, bestehen aus ihnen auch zwei Drittel der Erdkruste. Sand oder Kiesel sind nichts anderes als Siliziumoxid und tatsächlich stammt der Name „Silizium“ vom lateinischen Wort für Kiesel, „silex“.

Durch eine kleine Veränderung wird aus dem Sand ein Tausendsassa: Chemiker ersetzen die außenstehenden Sauerstoffatome durch Methylgruppen mit je einem Kohlenstoff- und drei Wasserstoffatomen. So entsteht eine lange Kette, in deren Innerem sich Silizium und Sauerstoff abwechseln, das aber nach außen von Kohlenwasserstoffgruppen umhüllt ist.

„Diese organische Hülle ist wasserabweisend, wird vom Körper nicht abgestoßen und nur langsam abgebaut“, erklärt Matthias Drieß, Chemiker an der Technischen Universität Berlin. Das mache Silikon zu einem so begehrten und vielfach einsetzbaren Stoff. Wer etwa die gängigen Lippenstifte nutzt, schützt seine empfindliche Haut vorm Austrocknen, indem er eine wasserabweisende Schicht Silikon darauflegt.

Als Gel, Öl oder Harz wird Silikon für tausende Dinge verwendet, für Katheter und Kontaktlinsen verwendet, für Blutkonservenbeutel und die Beschichtung von Folien, als Dichtmasse, zur Isolierung von Kabeln und für Zündkerzenstecker.

Die weibliche Brust entdeckten Silikonforscher recht spät. Die beiden Schönheitschirurgen Frank Gerow und Thomas Cronin aus Texas entwickelten in den 60er Jahren die ersten Brustimplantate aus Silikon. Vorher hatten Frauen sich Körperfett oder Paraffin spritzen, sogar Glaskugeln oder Elfenbein einsetzen lassen. Timme Jean Lindsey wurde 1962 die erste Frau, die ihren Brustumfang mit Silikonimplantaten vergrößerte.

Doch gegen Ende der 70er Jahre behaupteten Frauen erstmals, die Implantate hätten sie krank gemacht. Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Lupus, aber auch Krebs wurden mit den vergrößerten Brüsten in Verbindung gebracht. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA nahm die Berichte ernst und forderte 1988 umfassende Sicherheitstests der Implantate. Vier Jahre später verpflichteten sich die Hersteller freiwillig, die Produkte vorerst vom Markt zu nehmen. Gleichzeitig meldeten sich immer neue Frauen mit Gesundheitsproblemen und schlossen sich zu tausenden zusammen, um die Hersteller zu verklagen.

Anfang der neunziger Jahre zahlten Firmen wie Dow Corning, Baxter und Bristol-Myers Squibb Millionen an die vermeintlich geschädigten Frauen. Dow Corning einigte sich 1998 mit den Vertretern einer spektakulären Sammelklage darauf, insgesamt 3,2 Milliarden Dollar zu zahlen. Corning meldete Insolvenz an und hörte auf, Silikon für Brustimplantate herzustellen. Erst 2006, nachdem zahllose Studien und Expertengremien die Sicherheit der Brustimplantate bestätigt hatten, wurden sie in den USA wieder zugelassen. Die Befürchtungen und Beschuldigungen hatten sich als falsch entpuppt.

Auch bei dem Silikon-Skandal, der nun in Europa für Schlagzeilen sorgt, ist nicht klar, ob eine gesundheitliche Gefährdung besteht. Eindeutig ist aber, dass die Firma PIP, um einen größeren Profit zu machen, günstigeres Industriesilikon für ihre Implantate verwendete, das für die Anwendung im Menschen nicht zugelassen war.

Der genaue Unterschied zwischen dem Industriesilikon und dem medizinischen Silikon ist indes auch Experten nicht klar. Ein Unterschied ist, dass kurze Silizium-Sauerstoff-Ketten, die bei der Herstellung entstehen, für medizinische Anwendungen entfernt werden. Denn die kurzen Silikonbruchstücke können aus den Implantaten „ausbluten“. Dadurch wird das Material anfälliger für Risse. Andererseits gibt es auch Industriesilikon, etwa für die Raumfahrt, das diese höheren Anforderungen erfüllen muss. In jedem Fall hat das von PIP verwendete Silikon nicht die zahlreichen Tests bestehen müssen, die für Silikon in der Medizin vorgeschrieben sind.

Die Profitgier könnte die ganze Branche teuer zu stehen kommen. „Silikone sind ein Supermaterial, aber ihre Akzeptanz schwindet und ich fürchte, dass diese Geschichte ihnen den Todesstoß geben wird“, sagt Drieß. Es wäre das letzte in einer langen Kette von Missverständnissen.

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