• Skelettreste auf FU-Campus: Die FU gräbt nun gründlich nach menschlichen Überresten

Skelettreste auf FU-Campus : Die FU gräbt nun gründlich nach menschlichen Überresten

Im Jahr 2014 wurden Knochen von möglichen NS-Opfern vorzeitig eingeäschert. Seitdem wurden auf dem Campus der Freien Universität 1400 weitere Fragmente gefunden.

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Neue Grabungen. Archäologen der FU haben vor der Universitätsbibliothek einen Schacht ausgehoben.
Neue Grabungen. Archäologen der FU haben vor der Universitätsbibliothek einen Schacht ausgehoben.Foto: Anja Kühne/Tsp

An der Freien Universität wird wieder nach menschlichen Knochenfragmenten gesucht. Archäologen haben Anfang letzter Woche vor der Universitätsbibliothek in der Harnackstraße einen mehrere Meter langen Schacht ausgehoben. Wie Passanten beobachten konnten, haben die Wissenschaftler dort bereits größere Mengen von Knochenresten aus der Erde geborgen. Ob sich nun bald klären lässt, ob es sich tatsächlich um Knochen aus der NS-Zeit, etwa von Opfern des KZ-Arztes Josef Mengele handelt, bleibt aber ungewiss. „Etliche Hypothesen sind offen“, sagt Susan Pollock, Professorin am Institut für Vorderasiatische Archäologie, die die Grabung gemeinsam mit ihrem FU-Kollegen Reinhard Bernbeck leitet.

Zuvor hatten die beiden Archäologen mehrfach seit dem vergangenen Sommer Bauarbeiten an der Stelle begleitet. Im Februar 2016 waren dabei weitere menschliche Knochen entdeckt worden. Auch bei einer eigenen archäologischen Grabung im November 2015 waren Knochen gefunden worden. Insgesamt etwa 1400 Fragmente wurden im Februar und im November entdeckt.

Weil auch im November aber nur die im Juli 2014 angelegte Verlängerung des Leitungsgrabens ausgegraben wurde, wird nun umfassend gesucht: „Aus ethischen Gründen sollten die Knochen geborgen werden“, sagt Pollock. Die FU erklärte, sie habe sich gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt und der Max-Planck-Gesellschaft entschieden, die Grabungen wieder aufzunehmen.

Es könnte sich um Überreste von in der NS-Zeit Deportierten handeln

Vor zwei Jahren waren an der Universitätsbibliothek bei Bauarbeiten mehrere Jahrzehnte alte Knochenreste von 15 Menschen, darunter auch Kinder, gefunden worden. Weil der Fundort nah am früheren Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik lag, kam der Verdacht auf, es könne es sich um die Überreste von in der NS-Zeit Deportierten handeln. Denn an das Institut schickte der KZ-Arzt Josef Mengele Knochen und Organe der von ihm in seinen Menschenversuchen in Auschwitz Ermordeten, etwa von Sinti und Roma.

Eine andere These trug der Anatomie-Professor Andreas Winkelmann damals bei: Denkbar sei auch, dass die Knochen aus einer Sammlung der Kolonialzeit stammen, der „S-Sammlung“ des Berliner Anthropologen Felix von Luschan, die zwischen 1928 und 1943 an dem Kaiser-Wilhelm-Institut untergebracht war. Möglicherweise handelt es sich bei den Fragmenten aber auch nur um Überreste aus einer gewöhnlichen Lehrsammlung der Medizin.

Alle seit Februar 2015 gefundenen Fragmente sollen im Herbst am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) gemeinsam untersucht werden. Dabei geht es darum, Alter und Geschlecht der Toten zu bestimmen, die Mindestzahl der Individuen zu ermitteln, denen die Fragmente zugerechnet werden können, und gegebenenfalls Spuren von Krankheiten festzustellen. „Ob die Knochen etwa aus der NS-Zeit stammen, kann dadurch nicht definitiv geklärt werden“, sagt Pollock. Dazu könnten eventuell weitere Methoden, die „invasiv“ sind, also den Knochen zerstören, eingesetzt werden. Da es aber unklar sei, ob sich die Herkunft der Fragmente damit wirklich klären lässt, müsse die gemeinsame Arbeitsgruppe an der FU diskutieren, ob die Provenienz der Knochen wirklich unbedingt geklärt werden müsse, sagt Pollock.

Knochenfragmente wurden versehentlich eingeäschert

Die zuerst vor zwei Jahren gefundenen Knochenfragmente konnten nicht genauer untersucht werden, weil sie versehentlich im Krematorium Berlin-Ruhleben eingeäschert wurden. Zwar hatte man an der FU eine mögliche Verbindung des Fundes zu dem Eugenik-Institut sofort hergestellt. Doch die Uni hatte darauf weder die Polizei noch die Rechtsmediziner der Charité aufmerksam gemacht, die die Knochen untersuchten. Zwar hatte die FU die Nähe des Kaiser-Wilhelm-Instituts zum Fundort erwähnt, aber offenbar vorausgesetzt, dass sowohl die Polizei als auch die Rechtsmediziner von sich aus den Bezug zu Auschwitz und Mengele herstellen würden. Da in Berlin jedes Jahr bei Bauarbeiten Tausende von Knochenfragmenten gefunden werden, hatte der Fund vom FU-Campus so weder bei der Polizei noch bei den Rechtsmedizinern besondere Aufmerksamkeit erregt.

Die FU war der Sache aber für sich selbst nachgegangen. Schon eine Woche, nachdem die Bauarbeiter auf die Knochen gestoßen waren, hatte sie bei der Polizei Akteneinsicht nach Abschluss der Untersuchung beantragt. Die Begründung: Sie habe ein wissenschaftliches Interesse, den Fund einordnen zu können. Monate später fragte sie bei den Rechtsmedizinern nach, wann die Einäscherung anstehe. Die Darstellung der FU, bei einem Telefonat habe man die Charité damals auch explizit auf den möglichen Zusammenhang mit der NS-Zeit aufmerksam gemacht, nannte der Leiter der Rechtsmedizin, Michael Tsokos, damals „schäbig“.

Die Öffentlichkeit wurde nicht unterrichtet

Auch die Öffentlichkeit hatte die FU damals nicht informiert: Sie meldete den Fund lapidar auf Twitter. Zweimal berichtete sie danach in ihrem FU-Internetmagazin „Campus Leben“ unter der Rubrik „intern“ über den Fall – also dort, wo nur Uni-Mitglieder Zugriff haben.

An der Informationspolitik der FU hat sich seitdem nichts geändert. Die Öffentlichkeit wurde weder davon unterrichtet, dass bei den Grabungen im November 2015 und im Februar 2016 weitere Reste von menschlichen Knochen gefunden wurden, noch erfuhr sie von den jüngsten Grabungen: Die FU behandelt die Suche nach möglichen Überresten von NS-Opfern auf ihrem Campus als interne Angelegenheit. FU-Mitarbeiter können Informationen in der Sache im Hausblatt „Campus Leben“ finden: zwischen Nachrichten über FU-Schülerlabore und Berichten über FU-Festakte. Anja Kühne

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