Solarflieger Bertrand Piccard : "Das einzige Limit ist der Pilot"

Bertrand Piccard und André Borschberg wollen mit einem Solarflugzeug die Welt umrunden - ganz ohne Treibstoff. Ein Interview mit Piccard über sein Vorhaben, die Vorbilder in seiner Familie und die Vision einer besseren Welt.

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Sonnenflieger. Im Sommer absolvierte das Solarflugzeug den ersten Transkontinentalflug nach Marokko.
Sonnenflieger. Im Sommer absolvierte das Solarflugzeug den ersten Transkontinentalflug nach Marokko.Foto: Solar Impulse, Jean Revillard

Herr Piccard, Sie wollen mit einem Solarflugzeug die Welt umrunden. Wie sind Sie auf diese verrückte Idee gekommen?

Für mich ist es völlig logisch, so etwas zu tun. Ich frage mich eher, warum niemand vor mir auf die Idee gekommen ist. Wir leben in einer Welt, die jeden Tag elf Millionen Tonnen Erdöl verbraucht. Wir verändern das Klima, verschmutzen den Planeten, verbrauchen viel zu viele Rohstoffe. Wir hinterlassen den nachfolgenden Generationen wahnsinnig hohe Schulden, die sie niemals zurückzahlen können. Und wir glauben, wir könnten einfach so weitermachen. Das ist total verrückt – und nicht mit einem Solarflugzeug um die Welt zu fliegen. Es ist verrückt, in diesem Wahnsinnstempo in die falsche Richtung zu rennen. Wir haben längst Technologien, die es uns ermöglichen, Energie zu sparen beziehungsweise mit erneuerbaren Energien unseren Bedarf zu großen Teilen zu decken. „Solar Impulse“ soll demonstrieren, was wir mit diesen neuen Techniken erreichen können.

Um diese zu etablieren, ist viel Geld nötig. Woher soll das kommen, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?

Vor allem die Politik hat noch nicht verstanden, dass diese Technologien profitabel sind. Egal ob Kühlschränke, Computer, Autos oder Häuser – mit neuer Technik verbrauchen sie viel weniger Energie. Wenn wir Wirtschaftswachstum erzeugen wollen, müssen wir solche Produkte auf den Markt bringen. Die Leute werden sie kaufen, weil sie am Ende Geld sparen.

Bertrand Piccard will auf die Möglichkeiten hinweisen, die zukunftsweisende Technik schon heute bietet.
Bertrand Piccard will auf die Möglichkeiten hinweisen, die zukunftsweisende Technik schon heute bietet.Foto: dapd

Aber die Investitionen sind zunächst recht hoch, sei es für ein Hybridauto oder eine umfassende Gebäudeisolierung. Herkömmliche Techniken sind billiger, warum sollte man mehr ausgeben?

Das ist keine Spende, sondern eine Investition, die sich rechnet. Es ist paradox, die Technologien sind da, aber sie werden kaum genutzt. Wir brauchen einen rechtlichen Rahmen, der die Industrie zwingt, diese sauberen Technologien auf den Markt zu bringen.

Das wäre eine massive Einmischung des Staates.

Es gibt schon jetzt viele Bereiche, in denen der Staat Regeln schafft, damit das Zusammenleben funktioniert. Tempolimits in Ortschaften oder das Verbot, seinen Hausmüll in den Wald zu werfen. Warum gibt es das nicht bei der Energie? Warum ist es erlaubt, so viel Energie zu verbrauchen wie man will und so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen wie man will? Warum ist es erlaubt, ein Auto zu bauen, das 20 Liter Sprit pro 100 Kilometer verbraucht, obwohl es mit der gleichen Geschwindigkeit, bei gleichem Komfort und gleicher Sicherheit mit der Hälfte oder gar einem Viertel des Kraftstoffs auskommen könnte? Ich sage nicht, dass die Menschen in ihrer Mobilität oder ihrem Wohnkomfort eingeschränkt werden sollen. Alle sollen die gleichen Freiheiten haben – aber mit einem rechtlichen Rahmen, der dazu zwingt, Energie und Ressourcen zu sparen. Das wiederum wird die Industrie animieren, neue Techniken zu entwickeln. Dann können wir weiterhin ein gutes Leben haben. Aber der Energieverbrauch mit all seinen Folgen wird weitaus geringer sein als heute.

Welche Rolle kann das Flugzeug auf dem Weg in diese „grüne Zukunft“ spielen ?

„Solar Impulse“ soll nicht die Luftfahrt revolutionieren, sondern unser Denken. Soweit wir wissen, werden Solarflugzeuge vorerst nicht im Passagierverkehr fliegen. Sie können nur sehr wenig Last transportieren, im Moment nur einen Piloten. In Zukunft könnten es vielleicht einmal zwei Personen sein, aber nicht mehr. Solar Impulse soll vielmehr die Menschen für die neuen Techniken begeistern. Würden diese überall auf der Welt eingesetzt, könnten wir den fossilen Energieverbrauch sofort halbieren. Und die andere Hälfte können wir zur Hälfte aus erneuerbaren Quellen decken, das restliche Viertel mit Öl und Gas. Das wäre ein akzeptables Maß für die Umwelt.

Welche Techniken wurden mit dem Bau des Fliegers konkret verbessert? Kommt das der Allgemeinheit zugute?

Da gibt es eine ganze Menge. Von extrem effizienten Motoren über leistungsfähige Batterien, Beleuchtung bis zu ultraleichten Strukturen aus Kohlenstofffasern. Die beteiligten Firmen bringen diese neuen Techniken auch auf den Markt.

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