Sozialwissenschaften : Gewalt der Entwurzelten

Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer sieht Krisensymptome. Gefährlich sind vor allem Jugendliche, die Anerkennung erkämpfen. Aber die Gesellschaft ist stabil.

Uwe Schlicht

Die Marxisten hatten nie eine Scheu, Krisen herbeizureden, ja zu ersehnen. Krisen sind Übergänge, aus denen die neue Gesellschaft hervorgehen sollte. Die Neomarxisten der Studentenrevolte versuchten sogar, einen bescheidenen Anstieg der Arbeitslosigkeit als Krise des Spätkapitalismus zu interpretieren. Ganz anders der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, dem zur Eröffnung einer Vorlesungsreihe im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zum Jahr der Geisteswissenschaften das Thema „Die Krise der Gesellschaft“ vorgegeben worden war. Überraschend distanzierte sich Heitmeyer von der Idee einer Gesamtkrise der Gesellschaft – und sah nur mehr einzelne Krisensymptome.

In der jüngsten, Anfang des Jahres erschienenen Ausgabe seiner Suhrkamp-Buchreihe „Deutsche Zustände“ spricht Heitmeyer noch vor dem Hintergrund von fünf Millionen Arbeitslosen von einem Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Problemlösungskompetenz der Politiker und Parteien. Er weist auf die Angst vor dem endgültigen sozialen Abstieg bereits in der breiten Mittelschicht hin. Ganz zu schweigen vom Zukunftspessimismus der Unterschicht.

Im Wissenschaftszentrum bezog sich Heitmeyer nun auf Reinhart Koselleck, der für die Sozialwissenschaften die Krisen als Schlüssel zur Erklärung von Entwicklungen empfahl. Dennoch erinnerte Heitmeyers Annäherung an das Thema an die Angst eines Zeithistorikers, der weiß, dass seine Analysen jederzeit durch aktuelle Entwicklungen widerlegt werden können, und daher das endgültige Urteil scheut. In diesem Sinne interpretierte Heitmeyer Krisen als Übergänge zu etwas anderem – nur weiß man nicht wohin, ob zum Besseren oder zum Schlechteren.

Früher galt die massenhafte Dauerarbeitslosigkeit als handfestes Krisensymptom einer Gesellschaft. Ist es dann ein neues Verständnis von Normalität, dass Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit von den nicht unmittelbar Betroffenen beiseite geschoben werden? Heitmeyer sieht jedenfalls keine Chancen mehr für eine Revolution. Vielmehr sei die Stabilität in westlichen Gesellschaften zu einem Wert an sich geworden.

Ein Krisensymptom ist für Heitmeyer die Gewalt, die die Gleichwertigkeit der Menschen verletze. Heitmeyer verwies auf lange Zeitreihen: Seit 1830 sei die Tötung anderer von einem hohen Stand im 19. Jahrhundert trotz aller Krisen und Kriege im 20. Jahrhundert zurückgegangen. Seit 1990 jedoch nähmen die Tötungsdelikte wieder zu. Gewaltkriminalität von Jugendlichen habe sich sogar in der Zeit von 1992 bis 2005 mehr als verdoppelt. Ein Zeichen, dass sich Jugendliche Anerkennung mit allen Mitteln erkämpfen wollen. Zumal, wenn sie keinen Rückhalt mehr in stabilen Beziehungen wie Familien oder Gruppen fänden. Heute sei es vorherrschende Haltung in der Gesellschaft, den Individualismus als radikales Konkurrenzverhältnis destruktiv auszuleben.

Einzelne Krisenerscheinungen also, die sich noch nicht zu einer Gesellschaftskrise addieren. Eines aber ist eindeutig: Heitmeyers Distanzierung von marxistischen Krisentheorien, der sich sein geistes- und sozialwissenschaftliches Publikum bis hin zu Ralf Dahrendorf widerspruchslos anschloss.

Die Reihe „Dialog der Disziplinen. Die Zeitgeschichte im Blick der Nachbarwissenschaften“ wird am 27. September um 17 Uhr in der Humboldt-Universität mit einem Vortrag Aleida Assmanns über „Die Last der Erinnerung“ fortgesetzt. Am 11. Oktober um 18 Uhr spricht Bernhard Waldenfels im WZB über „Das Denken des Fremden“.

Alle Vorträge im Internet: www.zzf-pdm.de/veranst/vortr/vrh.html

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben