Wissen : Spagat aus Forschung und Klinikalltag

Der Verband der Unikliniken diskutiert über neue Organisationsformen

Adelheid Müller-Lissner

In Berlin teilen sich zwei Universitäten eine Klinik – nämlich die Charité. Als im Jahr 2001 die Schließung des Uniklinikums Benjamin Franklin drohte, lag der FU viel daran, „Volluniversität“ zu bleiben, also eine medizinische Fakultät zu behalten.

In Österreich arbeiten die Hochschulmediziner in Medizinischen Universitäten, die von den Mutterunis organisatorisch abgenabelt sind – und auch in Deutschland gibt es dieses Modell, etwa in Hannover. „Die Medizin kann ohne Universität leben, aber die Universität kann nicht ohne Medizin leben“, beschreibt Rüdiger Siewert, Direktor des Uniklinikums Heidelberg und Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD), die Lage.

Die Universitätsmedizin wiederum kommt nicht ohne Krankenhäuser aus, denn sie umfasst nicht nur Forschung und Lehre, sondern klassischerweise auch die Krankenversorgung. Das macht die Organisation kompliziert. Beim diesjährigen VUD-Forum am letzten Mittwoch in Berlin sprachen Vertreter von Medizin, Hochschulen und Politik darüber, wie Unikliniken, Forschung, Ärzteausbildung und universitäre Strukturen in Zukunft zueinander stehen sollten.

Als sie sich um das Rektorenamt der Uni Münster bewarb, sei sie von den Medizinern immer wieder gefragt worden, ob sie die medizinische Fakultät eher als Bürde oder als Zierde der Alma Mater betrachte, sagte die Juristin Ursula Nelles auf der Tagung. „Selbstverständlich habe ich vor der Wahl gesagt, sie sei eine Zierde.“ Der Alltag hat sie gelehrt, dass die Krankenversorgung an einer Universität durchaus zu Konflikten führen kann. Heute plädiert sie dafür, die medizinischen Fakultäten wieder stärker in die Universität einzubinden. „Die Zuständigkeit für alle wissenschaftlich Tätigen sollte bei der Universität bleiben.“ Das für die Unikliniken gern reklamierte Konstrukt der „integrierten Autonomie“ hält sie für eine unglückliche Mischform. „Man kann keiner Einheit zumuten, zwei Kontrollsystemen ausgesetzt zu sein.“

Andererseits könne man auch den Krankenhausprofis nicht zumuten, „unter einer Unizentrale zu arbeiten, die weniger professionell ist als sie“, findet Rüdiger Strehl, kaufmännischer Direktor des Uniklinikums Tübingen. „Wenn die Universitäten der Medizin nicht eine gewisse Autonomie zugestehen, wird die sich aus dem Verbund lösen“, folgert VUD-Vorstand Siewert. Nicht zuletzt deshalb, weil die Universitätskrankenhäuser inzwischen im Wettkampf mit den privatwirtschaftlich organisierten Klinikkonzernen stehen. Für die Unikliniken empfiehlt Siewert eine Rechtsform, die so dicht wie möglich an der Aktiengesellschaft liegt. „Die Wirtschaftlichkeit steht nicht im Widerspruch zur Forschung, sondern ist geradezu deren Voraussetzung.“

Wie schwierig es ist, in Europas größtem Universitätsklinikum die Integration von Forschung, Lehre und Krankenversorgung zu leben, berichtete Behrend Behrends, der an der Charité (noch) als kaufmännischer Direktor tätig ist. Das Berliner Integrationsmodell sieht vor, dass die Charité eine Gliedkörperschaft der FU und der HU ist. Im Prinzip sind die Kompetenzen für Krankenversorgung auf der einen und Forschung und Lehre auf der anderen Seite klar getrennt. Allerdings gebe es Überlappungen, berichtet Behrends. „Viele wollen mitreden.“ Und im „Bermudadreieck“, das Vorstand, Klinikleitung und Fakultätsleitung bisweilen bildeten, gebe es auch Entscheidungsdefizite.

Zu Beginn der Tagung hatte Siewert gewarnt, die Ansprüche von Staat, Bundesländern, Unis und Ökonomie zu erfüllen, sei für die Hochschulmedizin möglicherweise ähnlich aussichtslos wie die Quadratur des Kreises. Die Quadratur des (Bermuda-)Dreiecks ist dagegen rein geometrisch keine unlösbare Aufgabe. Adelheid Müller-Lissner

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