Spanien : Unis vorm Ersticken

Spanien kürzt massiv bei seinen Hochschulen. Die Unis müssen Dozenten entlassen und können nicht einmal mehr neue Bücher kaufen. Derweil steigen die Studiengebühren.

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Unter Protest. Studierende demonstrieren in Madrid.
Unter Protest. Studierende demonstrieren in Madrid.Foto: AFP

Immer mehr Studierende, immer weniger Geld. Das könne nicht mehr lange gut gehen, warnen Spaniens Unirektoren. Die 50 öffentlichen Hochschulen des Landes seien „kurz davor, wirtschaftlich zu ersticken“. In einer gemeinsamen Erklärung beklagten sie unlängst nach den drastischen Etatkürzungen der konservativen Regierung Spaniens einen „nicht mehr zu reparierenden Niedergang“ des Lehr- und Forschungsbetriebes.

Die Rektoren reagierten auf erneute massive Einschnitte in den Etats der Hochschulen. Diese bleiben nicht verschont von den Kürzungen, mit denen das Land versucht, sein großes Haushaltsdefizit abzubauen. Um 20 Prozent strich Bildungsminister José Ignacio Wert die Zuschüsse für die staatlichen Unis im Jahr 2013.

Die rund 1,2 Millionen Studierenden bekommen das schon bei der Einschreibung zu spüren: Die Studiengebühren sind um rund 50 Prozent angehoben worden. Für ein Jurastudium, das früher etwa 600 Euro pro Jahr kostete, müssen nun rund 900 Euro gezahlt werden. Die Studiengebühren variieren je nach Region und Fachrichtung, für ein Medizinstudium an einer öffentlichen Uni in Spanien können mehr als 2000 Euro im Jahr fällig werden. Zugleich strich die Regierung staatliche Stipendien für Studierende zusammen.

Die Unis müssen immer mehr Dozenten entlassen, Forschungseinrichtungen, Labore und Bibliotheken schließen und unter „Notstandsbedingungen“ arbeiten, wie ein Professor unlängst klagte. Es fehlten grundlegende Arbeitsmittel. „Wir können nicht einmal neue Bücher kaufen.“ Viele Unis hätten nicht einmal mehr genug Geld, um ihr Personal oder ihre Stromrechnungen pünktlich bezahlen zu können, kritisiert die Rektorenkonferenz. Von einer ernsthaften Umsetzung des Bologna-Prozesses könne man in Spanien nur noch träumen. Kleinere Seminare, mehr Zeit der Professoren für eine Einzelbetreuung der Studierenden und zusätzliche praktische Übungen könnten sich die Unis schlicht nicht leisten.

Kein Wunder also, dass die Proteste allerorten groß sind. Dieser Tage demonstrierten tausende spanische Wissenschaftler in Madrid gegen den „absoluten Stillstand“ und die „Zerschlagung“ des Universitäts- und Forschungsbetriebs. Auf ihren T-Shirts stand die Botschaft: „Ohne Wissenschaft gibt es keine Zukunft.“ „In Deutschland reißen sie ich um uns“, riefen die Demonstranten, als sie am Erziehungsministerium vorbeizogen. Tatsächlich wandern viele spanische Forscher bereits ab – möglicherweise für immer. In einem Appell einer breiten, von Unis, Instituten und Gewerkschaften getragenen Wissenschaftlerplattform an den konservativen Bildungsminister Wert heißt es: Viele junge Wissenschaftler seien „verurteilt zu emigrieren oder sogar den Beruf aufzugeben“.

Wie sehr Spanien im Hochschulbereich hinter andere große Länder zurückfällt, zeigt folgender Vergleich. Spanien investiert derzeit nur noch 1,3 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) in die Forschung. Der EU-Schnitt liegt bei zwei Prozent, Deutschland steuert auf drei Prozent zu. Für die Bildung dürfte Spanien inzwischen bei unter 4,5 Prozent angelangt sein. Der EU-Durchschnitt liegt bei 5,3 Prozent. Mit dem Sparplan wird sich Spaniens finanzieller Bildungseinsatz bis zum Jahr 2015 wohl auf weniger als vier Prozent des BIP reduzieren. Bildungsminister Wert, der wegen seines autoritären Stils zu den unbeliebtesten Politikern Spaniens gehört, lässt die Argumente der breiten Protestbewegung an den Unis dennoch nicht gelten: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Erfolg der Bildung von den finanziellen Mitteln abhängt.“

Im Nachbarland Portugal, das ebenfalls tief in der Finanzkrise steckt, sieht die Lage kaum besser aus. Die Studiengebühren steigen dort ebenfalls und liegen nun bei durchschnittlich über 1000 Euro im Jahr. Und das in einem Land, das immer noch als das ärmste der „alten“ EU gilt. In einem Protestschreiben heißt es: „Viele portugiesische Familien können sich deshalb ein Studium ihrer Kinder schlichtweg nicht mehr leisten.“

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