Wissen : Spielkonsole hilft Blinden

Ein Sensor erkundet die Umgebung und weist per Vibrationen den Weg

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Navigieren. Der Sensor auf dem Helm erkennt nicht nur Wände, sondern auch Codes auf Hinweistafeln. Foto: Uni Konstanz
Navigieren. Der Sensor auf dem Helm erkennt nicht nur Wände, sondern auch Codes auf Hinweistafeln. Foto: Uni Konstanz

Mit einem Blindenstock in der Hand tastet sich Michael Zöllner in den schmalen Gängen der Universität Konstanz voran. Er trägt Kopfhörer, einen Vibrationsgürtel und einen blauen Helm. Seine Augen sind verbunden. „Please turn right“, ertönt eine Computerstimme aus den Kopfhörern. Der Student folgt der Stimme und biegt nach rechts ab. Auf diese Weise testet Zöllner das Navigationssystem „Navi“, das er zusammen mit seinem Kommilitonen Stephan Huber entwickelt hat. Es soll blinden Menschen helfen, sich in Gebäuden zu bewegen.

Huber und Zöllner haben den Videospiel-Sensor „Kinect“ aus der Spielkonsole „Xbox 360“ so modifiziert, dass er als Orientierungshilfe für Sehbehinderte eingesetzt werden kann. Normalerweise ist der Sensor in der Konsole eingebaut und erfasst die Bewegungen der Spieler. Bei einem Autorennen zum Beispiel bewegt der Spieler seine Hände so, als ob er ein echtes Lenkrad steuern würde. Das System nimmt die Bewegungen wahr, das virtuelle Auto auf dem Bildschirm fährt analog zu den Handbewegungen des Spielers. Die Konstanzer Studenten haben die Perspektive umgedreht: Der Sensor nimmt keine Körpererfassung vor, sondern wird auf einem Helm befestigt und erfasst die Umgebung.

„Navi“ kann Objekte, Personen und codierte Informationsschilder – die mit Barcodes im Supermarkt vergleichbar sind – erkennen. Wenn der Sensor eine codierte Hinweistafel wahrnimmt, gibt die Computerstimme Kommandos, unter anderem „turn right“, „turn left“ oder „please push the door“. Da das System ständig Entfernungen zu markanten Objekten misst, sind punktgenaue Ansagen möglich. So können Routen durch Gebäude abgesteckt werden, die Blinde selbstständig zum gewünschten Ziel führen.

Um die Entfernung zu Personen oder Gegenständen zu bestimmen, kombiniert ein Computer die Aufnahmen einer Farb- und einer Tiefenkamera. Diese besteht aus einer Infrarotlampe und einem Sensor, der die Laufzeit der Lichtwellen misst, die von verschiedenen Objekten zurückgeworfen werden. Daraus ergibt sich ein dreidimensionales Tiefenbild.

Der Vibrationsgürtel, den die beiden angehenden Informatiker gebastelt haben, macht diese Informationen für Sehbehinderte spürbar. Je näher ein Gegenstand ist, desto stärker vibriert der Gürtel. „Die Stärke von Navi ist die Objekterkennung“, sagt Huber. Dies könnten GPS-Systeme, wie sie im Auto verwendet werden, nicht oder nur begrenzt. Vor allem aber sind GPS-gestützte Verfahren in Gebäuden sehr ungenau oder teilweise gar nicht einsetzbar, weil sie keine Verbindung zu den entsprechenden Navigationssatelliten herstellen können. Auf der anderen Seite ist das Navi-System für Sehbehinderte auf Innenräume beschränkt, da der Sensor infrarotempfindlich ist und außen nicht eingesetzt werden kann.

Auf Einladung von Microsoft haben die Studenten ihre Erfindung bereits auf einer wichtigen Entwicklermesse in Las Vegas vorgestellt. In wenigen Tagen soll das System erstmals von einem Sehbehinderten getestet werden. Andreas Maisch

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