Spitzenforschung : Berlin: Keine Sonderrolle für die FU

Nach der Kür im Elitewettbewerb bekundet Bildungssenator Zöllner, auch bei den anderen Berliner Unis für Exzellenz sorgen zu wollen. Die Häuser stehen seinen Plänen skeptisch gegenüber.

Amory Burchard,Tilmann Warnecke
Labor
Forscher Blick. Wissenschaftssenator Zöllner will die Exzellenz an allen Berliner Unis fördern. -Foto: dpa

        Die Pläne von Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) für ein „International Forum of Advanced Studies“ (Internationales Forum für Spitzenforschung) sind nicht unumstritten. Schon im Juni, als der Senator die von ihm entworfene „Tochterinstitution“ der Berliner Universitäten und der außeruniversitären Einrichtungen erstmals präsentierte, hagelte es Kritik. Dass exzellente Forscher aus den Hochschulen und damit auch aus der Lehre abgezogen werden könnten, stieß auf breite Ablehnung.

Inzwischen ist es Zöllner offenbar kaum gelungen, in Berlin für sein Projekt zu werben. Zwar sicherte Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) ihm gestern Unterstützung zu. Die Präsidenten der Freien, der Technischen und der Humboldt-Universität jedoch haben Zöllner dem Vernehmen nach Ende vergangener Woche einen ablehnenden Brief geschrieben und am Freitag übergeben. Darin sollen sie sich zwar für intensive Kooperationen mit außeruniversitären Instituten ausgesprochen haben, die Gründung einer neuen Institution aber weiterhin ablehnen.

Diese Haltung hatte FU-Präsident Dieter Lenzen auch im Interview mit dem Tagesspiegel vertreten (Sonntagsausgabe). Er bot an, die neuen Zentren, die die FU im Rahmen ihres Zukunftskonzepts als Exzellenzhochschule einrichtet, für die Berliner Wissenschaft zu öffnen. So könnten im Zentrum für Clusterentwicklung Forschungsvorhaben für alle Unis entworfen werden; auch das Zentrum für internationalen Austausch stehe allen offen.

Wissenschaftssenator Zöllner hielt es zwar auf Anfrage für „eine denkbare Lösung, dass eine Universität die Forschungsplanung für Gesamtberlin übernehmen könnte“. Grundsätzlich jedoch seien Universitäten nicht geeignet, Exzellenz dauerhaft zu fördern. Eine hochqualifizierte Ausbildung von Studierenden in der Breite und Spitzenforschung seien „unter einem Dach schwierig“, unter anderem wegen der Mitbestimmung in den Gremien und langer Berufungsverfahren. 40 Prozent eines Jahrgangs ohne Zulassungsbeschränkungen und Studiengebühren an die Hochschulen zu bringen sei „etwas anderes, als Masterstudenten nach Auswahlverfahren exzellent auszubilden“. Deshalb brauche Berlin das Internationale Forum für Spitzenforschung.

Der FU will Zöllner offenbar keine Sonderrolle zubilligen. Er habe auch für die anderen hervorragenden Berliner Unis zu sorgen und sei überzeugt, dass Exzellenz dauerhaft und unabhängig vom Elitewettbewerb sowie von wechselnden politischen Mehrheiten abgesichert werden müsse. Warum aber sollte die FU jetzt bereit sein, ihren Elitestatus mit einer Institution der Spitzenforschung und -lehre zu teilen? „Weil sie nichts abgibt, sondern etwas dazu bekommt“, sagte Zöllner. Die Unis könnten exzellenten Wissenschaftlern, die sie berufen wolle, zugleich die Möglichkeit einer hochdotierten Nebentätigkeit am International Forum eröffnen. Damit sei sie konkurrenzfähiger als bisher. Das Promotionsrecht würden die Unis exklusiv behalten, sie brächten es lediglich in das gemeinsame Forum mit ein.

Auch in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird Zöllners Vorschlag diskutiert. Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, plädiert für das „Konzept des Wissenschafts-Campus“. Zu einem Zukunftsthema aus Bereichen wie Optik, Arzneiforschung oder Umwelt sollten sich anwendungsorientierte Forscher, Techniker und Theoretiker aus universitären und außeruniversitären Instituten zusammentun, um ein gemeinsames Forschungsvorhaben auszuarbeiten. Solche Kooperationen sollten aus Landesmitteln, aber auch aus den Forschungsetats der beteiligten Forschungsorganisationen finanziert werden. Die Universitäten sollten ihrerseits das Promotionsrecht für die Mitglieder des Wissenschafts-Campus beisteuern.

Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, und Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, wollten sich mit Verweis auf das heutige Treffen mit Zöllner nicht äußern.

Die Grünen kritisierten Zöllner scharf. Seine Pläne seien „der falsche Weg“, um die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu verbessern und international sichtbarer zu machen. „Seinem Bestreben, sich beizeiten ein Denkmal zu setzen durch eine Institution, die als Stiftung dann die künftigen Nobelpreisträger produzieren soll, opfert Zöllner die Qualität der übrigen Bereiche der Berliner Wissenschaftslandschaft“, sagte Anja Schillhaneck, wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus.

In der rot-roten Koalition wurden Zöllners Pläne begrüßt. Wolfgang Albers, wissenschaftspolitischer Sprecher der Linkspartei, sagte, er halte es für sinnvoll, wissenschaftliche Ressourcen zu bündeln. Die neue Einrichtung sei eine „ausgezeichnete und international ausstrahlende Idee“, sagte die wissenschaftspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Jutta Koch-Unterseher. Voraussetzung sei, dass die Forscher nicht völlig aus ihren Heimatunis und -instituten abgezogen würden. Die neue Einrichtung müsste zudem „einen deutlichen Effekt für die Lehre haben“.

Koch-Unterseher deutete aber an, dass die SPD jetzt auch darauf dringen werde, an HU, FU, TU und den anderen Berliner Hochschulen für mehr Mitbestimmung von Studierenden, wissenschaftlichen und sonstigen Mitarbeitern zu sorgen. Es könnten jetzt „die Augen dafür geöffnet“ werden, dass man die neue internationale Einrichtung auf der einen Seite und mehr demokratische Mitbestimmung an den Unis auf der anderen sehen könne. Zöllner wies die Idee eines solchen „Gegengeschäfts“ vor der Presse empört zurück.    

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