Spitzenforschung : Neues Forschungszentrum: HMI und Bessy fusionieren

Durch die Zusammenlegung zweier Großforschungseinrichtungen steigt Berlin in die oberste Liga europäischer Forschung auf. Nur drei weitere Institute dieser Art gibt es in Europa.

Paul Janositz

BerlinBerlins Forschung bekommt ein neues Schwergewicht. Das Hahn-Meitner-Institut (HMI) und die Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung (Bessy) schließen sich zusammen. „Ab 1.1. 2009 werden die beiden Großforschungseinrichtungen zum Helmholtz-Zentrum Berlin fusionieren“, sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan am Mittwoch in Berlin. Die Erforschung der Materie durch Neutronen und Photonen komme damit unter ein gemeinsames Dach.

Zum Kernreaktor in Wannsee gesellt sich nun der Beschleunigerring in Adlershof. Solche Kombinationen findet man in Europa nur noch am Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble, am Rutherford Labor bei Oxford und im Paul-Scherrer-Institut im Schweizerischen Villingen. „Sonst gibt es weltweit nichts Vergleichbares“, sagte Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.

Für das fusionierte Institut muss Schavan etwa zehn Millionen Euro pro Jahr mehr aufbringen, als es für die beiden getrennten Einrichtungen der Fall ist. Denn Bessy, das zur Leibniz-Gemeinschaft gehört, wird derzeit jeweils zur Hälfte von Bund und Ländern finanziert. Anders wird es nach der Eingliederung. Für Helmholtz-Einrichtungen muss der Bund den Löwenanteil von 90 Prozent aufbringen, die Länder steuern nur zehn Prozent bei. So profitiert auch Berlin mit einer Million Euro von dem Deal, wie Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner zugab.

Doch den finanziellen Aspekt sehen die „Macher“ der Fusion – zu ihnen gehören auch die Geschäftsführer von HMI, Michael Steiner, und von Bessy, Eberhard Jaeschke – eher als nebensächlich. Wichtiger seien bessere Möglichkeiten, gemeinsame Projekte langfristig zu planen und zu verwirklichen. Damit könne man auch leichter international hochkarätige Forscher anlocken, sagte Steiner. Auch die Nutzung der jeweiligen Strahlungsquellen wird einfacher. Denn Strahlzeiten müssen gemietet und am Bessy auch Gebühren gezahlt werden. Das entfällt künftig für die HMI-Forscher.

Demzufolge sehen auch die betroffenen Wissenschaftler die Fusion nicht als feindliche Übernahme. Obwohl das rund 250 Mitarbeiter zählende Bessy mit dem nach Beschäftigtenzahl dreifach größeren HMI zusammengeführt wird. Für die Forscher sei vor allem wichtig, dass sie Projekte effektiver vorantreiben könnten, sagte Jaeschke.

Die wissenschaftliche Zusammenführung wird durch gemeinsame Forschungsprinzipien erleichtert. Denn die fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigten Elektronen in Adlershof durchleuchten die Struktur von Materialien und dasselbe tun die Neutronen, die im Wannseer Forschungsreaktor entstehen. Besonders interessiert man sich an beiden Einrichtungen für die magnetischen Eigenschaften von Festkörpern.

Hier hat das HMI in diesem Frühjahr bereits einen Coup gelandet und den weltweit stärksten Hochfeldmagneten in Amerika bestellt. Ab 2011 soll der Supermagnet, etwa eine Million Mal stärker als das Erdmagnetfeld, auf die Materialproben wirken. Dies kommt auch der Nano- und Photovoltaik-Forschung zugute, die am HMI wie am Bessy groß geschrieben wird. Das Bessy wiederum plant die Anschaffung eines „Freien Elektronenlasers“, der weiche Röntgenstrahlen erzeugen kann. Die Bezahlung dürfte dann aus dem 100-Millionen-Euro-Haushalt der neuen Großforschungseinrichtung kommen. Ob diese wirklich „Helmholtz-Zentrum Berlin“ heißen wird oder ob es einen Namenszusatz geben wird, werde sich – so Mlynek – Ende August bei der Sitzung der Verwaltungsräte von Bessy und HMI entscheiden.

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