Spitzenforschung : Was die Uni super macht

Zwischen Freude und Angst: Berlins neue Elite-Hochschule ist umstritten.

Amory Burchard,Anja Kühne

Die neue Superuniversität für die Spitzenwissenschaft, die in Berlin gegründet werden soll, wird heftig diskutiert. Naturwissenschaftler aus den außeruniversitären Instituten sind begeistert, dass nun endlich die so genannte Versäulung der Wissenschaftslandschaft aufgebrochen wird und engere Kooperationen möglich werden. An den Universitäten machen sich Professoren allerdings Sorgen, dass exzellente Bereiche aus Hochschulen abgezogen werden könnten und dort nur noch Mittelmaß zurückbleibt.

Die geplante Forschungsuniversität ist wie berichtet Teil des Masterplans, mit dem die Berliner Wissenschaft zur internationalen Spitze aufschließen soll. Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), der sich am Mittwoch Nachmittag zu einem Gespräch über die neue Hochschule mit den Uni-Präsidenten traf, spricht von einer „gemeinsamen Tochterinstitution“. Eltern sollen die Berliner Unis und die außeruniversitären Einrichtungen sein. Das neue Gebilde soll ein eigenes Budget und eigene Räume haben sowie das Recht, Doktoranden zu promovieren.

„Alles, was die Strukturen flexibler macht, und dazu führt, dass die Mittel nach Erfolgen in der Forschung verteilt werden, kann nur helfen“, sagt Hans Lehrach, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik. Die exzellenten Bereiche der Berliner Wissenschaft unabhängig von ihrem Standort an der Universität oder in außeruniversitären Instituten enger zu verbinden, „wäre extrem wichtig“. Das heutige Nebeneinander von Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft sei „ein echter Standortnachteil für Deutschland“, sagt Lehrach. Und die Spitzenforschung brauche dringend bessere Arbeitsbedingungen, eine bessere Ausstattung und eine bessere Interaktion zwischen den Disziplinen. Ihm als Molekulargenetiker würde es „extrem entgegenkommen“, unter einem Dach mit Hirnforschern und Laserphysikern zu arbeiten. Es sei aber fraglich, ob Berlin ausreichend Geld zur Verfügung stellen könne, um einen neuen Forschungscampus zu finanzieren.

Auch Michael Zürn, Professor am Wissenschaftszentrum Berlin und an der Hertie School of Governance, begrüßt Zöllners Idee: „Berlin tut gut daran, mit seinen Pfunden zu wuchern und sein enormes Potenzial in der Forschung zu bündeln.“ Gerade in den Sozialwissenschaften gebe es bereits jetzt zahlreiche enge Kooperationen. So arbeite die Hertie School im Elitewettbewerb mit den Unis zusammen. Davon werde auch die Qualität der universitären Lehre profitieren.

Kritisch sieht hingegen Andreas Herz, Koordinator des Berlin übergreifenden Bernstein Zentrums für Computational Neuroscience, die Pläne: „Wenn das Konzept für eine Forschungsuniversität bedeuten sollte, exzellente Bereiche aus den Universitäten herauszulösen, würde das die Zerschlagung unserer erfolgreichen Hochschulen bedeuten.“ Fraglich sei auch, ob dieses Konzept der Humboldt-Universität und der Freien Universität im laufenden Exzellenzwettbewerb eher nützen oder schaden würde, sagt Herz. Die Idee des Wettbewerbs sei es doch gerade, die Forschung an den Universitäten zu stärken. Natürlich sollten Spitzenforscher auf Zeit und ohne bürokratische Hürden intensiv mit Wissenschaftlern aus außeruniversitären Instituten zusammenarbeiten und dafür von der Lehre befreit werden können. Dann aber müssten sie wieder an die Universität zurückkehren, um sie mit ihrer Forschung insgesamt zu erneuern. Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft könnten nun fragen: Will der Berliner Senat überhaupt seine Universitäten weiter stärken oder soll jetzt von oben herab eine neue Institution für Spitzenforschung gegründet werden, die nicht mehr in die Breite wirken kann?

Paul Nolte, Historiker an der Freien Universität, sieht die neuen Pläne ebenfalls skeptisch. „Die Exzellenz wird aus der Universität ausgegliedert, anstatt sie in deren Mitte zu belassen.“ Es bestehe die Gefahr, die Forschung von der grundständigen Lehre „zu entkoppeln“. Auch könnten fragwürdige „Exklusionsmechanismen“ in Gang gesetzt werden, wenn bestimmte Forscher oder Gebiete zur Exzellenz erklärt würden. Andere, die vielleicht keine großen DFG-Projekte betrieben, aber allein am Schreibtisch brillante Bücher schrieben, würden ausgeschlossen. Nolte hält es auch für möglich, dass die neue Super-Universität nur der Beginn einer völligen Fusion der drei großen Berliner Universitäten gleichsam durch die „Hintertür“ ist. Zuerst würden die exzellenten Bereiche zusammengeführt, dann „scheibchenweise“ ganze Unis.

Das Berliner Vorbild für die neue Super-Uni könnte Berlins Matheon sein, in dem seit fünf Jahren die besten Mathematiker der Universitäten und außeruniversitären Institute mit großem Erfolg zusammenarbeiten (siehe Kasten). Sprecher ist Martin Grötschel, Professor an der TU und Vizepräsident des außeruniversitären Konrad-Zuse-Zentrums. Inzwischen hat sich das Matheon zu einer weltweiten Marke entwickelt, sagt Grötschel: „Die Leute kommen nicht an die FU, die HU oder die TU, sondern ans Matheon.“ Heute seien die Universitäten stolz darauf, sagt Grötschel. Es habe aber länger gedauert, bis jede darauf verzichtet habe, die eigene Rolle im Matheon bei jeder Gelegenheit ganz besonders hervorzuheben oder zu versuchen, einer anderen die Doktoranden abzuwerben. Wer am Matheon promoviert, kann zwischen den drei Unis wählen. Weil die Universitäten ihre Profile in der Mathematik inzwischen komplementär zu einander gestalteten, sei die Zusammenarbeit leichter, die Professoren sähen sich dadurch nicht mehr so sehr im Wettbewerb. Werden an die Universitäten neue Mathematiker berufen, sitzen immer Professoren der anderen Universitäten mit in der Kommission, berichtet Grötschel. So wachse Vertrauen.

Dass die Lehre unter dem Mathe-Olymp leidet, kann Grötschel nicht erkennen. Im Gegenteil: „Die Rückwirkungen sind enorm.“ Die Studierenden würden von den beteiligten Professoren und Doktoranden „ganz nah an die Top-Forschung“ herangeführt. Auch seien die Matheon-Professoren nicht versucht, sich vor der Lehre zu drücken, im Gegenteil. Die Professoren konkurrierten darum, die besten Studierenden an sich zu binden: „Und wer nicht lehrt, kriegt keine Top-Studierenden“, sagt Grötschel.

Trotzdem werde es schwierig, das Konzept des Matheons auf die gesamte Wissenschaftslandschaft zu übertragen. „Psychologische Faktoren sind viel wichtiger als man glaubt.“ Große Kooperationen würden nur funktionieren, wenn alle Beteiligten davon profitieren. Das neue Konzept müsse deshalb ausschließen, dass die Unis „nachrangig“ werden, wenn man ihre „Top-Leute“ abzieht, sagt Grötschel. Auch mache es keinen Sinn, Leuchttürme an einem Ort zu versammeln, wenn diese sich als Konkurrenten begriffen. „Wenn man das nicht richtig macht, kann viel kaputt gehen.“ Das Matheon werde bei den Planungen gerne sein Know-how einbringen.

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