Spitzenforschung : "Wie ein Sprung vom Zehn-Meter-Turm"

Etwas Neues wagen oder endlich wieder die deutsche Kultur erleben: Warum Spitzenforscher aus dem Ausland zurückkehren.

Paul Janositz
Im Blick. Der Psycholinguist Harald Clahsen kommt an die Uni Potsdam.
Im Blick. Der Psycholinguist Harald Clahsen kommt an die Uni Potsdam.Foto: promo

„Wir können finanziell mit dem Ausland mithalten“, sagt Thomas Schöck, Kanzler der Universität Erlangen-Nürnberg. Schöck ist gelungen, was lange Zeit deutschen Hochschulen kaum möglich schien: Beim Wettbewerb um Spitzenforscher ausländische Universitäten auszustechen. Die Franken haben unlängst den Nano-Optiker Vahid Sandoghdar von der ETH Zürich losgeeist. Der in Teheran geborene Humboldt-Professor wird gleichzeitig Direktor am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts.

Möglich gemacht hat den Wechsel eine Humboldt-Professur, der höchstdotierte deutsche Forschungspreis für wechselwillige Wissenschaftler. Mit dieser Professur wurden in diesem Jahr noch sieben weitere Spitzenforscher ausgezeichnet, die nun von ausländischen an deutsche Universitäten kommen. Das Preisgeld beträgt fünf Millionen Euro. Damit kann der Humboldt-Professor seine Forschung fünf Jahre lang finanzieren und jährlich maximal 180 000 Euro als persönliches Entgelt entnehmen. Die Universität kann dieses Gehalt aufstocken. Seit der ersten Vergabe 2009 wurden 21 Professoren berufen. Nur eine Frau ist darunter, Ulrike Gaul, Systembiologin an der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU).

Was bewegt einen international angesehenen Wissenschaftler, seinen Arbeitsplatz dauerhaft nach Deutschland zu verlegen? Diese Frage beantworteten jüngst mehrere Preisträger auf einem Treffen in Berlin. „Ausschlaggebend für meinen Wechsel sind exzellente Forschungsmöglichkeiten an der Universität Potsdam und im Berliner Raum“, sagt der Psycholinguist Harald Clahsen, derzeit Uni Essex. Ab Oktober wird er in Potsdam den neuen Lehrstuhl für „Psycholinguistics of Multilingualism“ übernehmen und Gründungsdirektor des „Potsdam Research Institute of Multilingualism“ werden. Der 55-jährige Forscher möchte mit seinem Team ergründen, wie Mehrsprachigkeit im menschlichen Gehirn verankert ist.

Matthias Wessling, Spezialgebiet technische Membranen, trieb vor allem der Wunsch, etwas Neues zu wagen. Der Chemie-Ingenieur hatte nach dem Studienabschluss an der Uni Dortmund 20 Jahre lang in den Niederlanden geforscht. In Twente hatte er promoviert, war Institutsdirektor und Dekan geworden. Zwischenzeitlich arbeitete er einige Jahre in der Industrie. „Mit dem Erreichten war ich sehr zufrieden“, sagt er. Dann kam das Angebot der RWTH Aachen, ab 2010 als Humboldt-Professor für Chemische Verfahrenstechnik die Forschungsinitiative „New Generation Processes and Products“ zu verstärken. Dabei sollen Ingenieurwissenschaftler gemeinsam mit Chemikern und Physikern aus nachwachsenden Rohstoffen neue Bausteine für die Industrie von morgen entwickeln. „Ich fühlte mich wie ein Turmspringer auf dem Zehn-Meter-Brett“, sagt Wessling. Dass er den Sprung wagte, habe er nie bereut. „Ich habe viel Motivation rausgeholt, alles hat sich sehr dynamisch entwickelt.“ Die Arbeitsgruppe ist aufgebaut, neue Labore sind installiert. In Aachen könne er Themen anpacken, die er vorher nicht realisieren konnte, sagt der Spezialist für Nanoforschung.

Was die Qualität der Forschung angeht, fühlt sich auch Gerhard Kramer an der TU München gut aufgehoben. „Ich hatte die Möglichkeit, an der besten deutschen Ingenieurschule eine Stelle zu bekommen.“ Das war für den weltweit herausragenden Informationstheoretiker und Nachrichtentechniker der Hauptgrund, von der University of Southern California (USC) in Los Angeles an die Isar zu wechseln. Natürlich habe ihn auch die deutsche Kultur angezogen, fügt der Spezialist für Datensicherheit hinzu. Mit ihr ist der 1970 im kanadischen Winnipeg geborene Sohn deutscher Eltern von Haus aus vertraut. Auch das Promotionsstudium an der ETH Zürich und die zweijährige Berufspraxis in Basel brachten ihm in den 90er Jahren die hiesige Lebensart nahe. Nach Übersee zurück lockten ihn damals die Arbeitsmöglichkeiten bei den weltberühmten Bell Labs im US-Bundesstaat New Jersey. Dort forschte Kramer acht Jahre lang, bevor er als Full Professor an die USC ging.

Für ihn waren es jetzt nicht die Millionen der Humboldt-Stiftung, die den Ausschlag gaben. „Die Humboldt-Professur war wichtig, aber nicht entscheidend für mich“, sagt Kramer. Ein Team von 32 Mitarbeitern zu führen, sei für ihn „Herausforderung und Bereicherung“, denn an der USC habe er oft nur ein paar PhD-Studenten betreut. Kramer bringt einen Teil des Preisgeldes in eine Stiftung ein, um eine weitere Professur zu finanzieren.

Nach Ende der fünfjährigen Humboldt-Periode ist vielerorts Eigeninitiative angesagt. Sprachforscher Clahsen etwa wird für seine hochkarätige Forschung nach neuen Finanzquellen suchen müssen. Das Bundesland Brandenburg werde ihn dabei „nur auf relativ kleiner Flamme unterstützen können“.

Woran liegt es, dass so wenig Frauen über das Programm berufen werden? Stiftungspräsident Helmut Schwarz sieht die Verantwortung bei den Universitäten. Er sei enttäuscht, dass „die Universitäten bei der Suche nach den Besten so selten die chancenreichen Wissenschaftlerinnen sehen, die es ohne Zweifel gibt“. Die bisher einzige Humboldt-Professorin Ulrike Gaul sagt, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland müssten sich ändern. „Es gibt eine stille Reserve von promovierten Frauen, die zu Hause hocken.“ In den USA existiere dieses Problem nicht. Gaul will jetzt an der LMU München auch intensiv den weiblichen akademischen Nachwuchs fördern.

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