Sportstudie : Mehr Sportsgeist!

Zu viele übergewichtige, träge Kinder: Sportwissenschaftler fordern eine moderne Bewegungskultur in Schulen und Vereinen.

Gudrun Weitzenbürger
Hoch motiviert. Berliner Grundschüler im professionellen Fußballtraining.
Hoch motiviert. Berliner Grundschüler im professionellen Fußballtraining.Foto: Thilo Rückeis

Wer legt heute noch zwölf Kilometer mit dem Fahrrad zurück, um zu seinem Sportverein zu kommen, so wie es damals der Fußballer Uwe Seeler tat? Der spätere HSV-Profi fuhr als Schüler aus der Hamburger Innenstadt bis ins nordwestlich gelegene Norderstedt in seinen Sportverein, trainierte und radelte dieselbe Strecke wieder zurück. Aus der Sicht heutiger Schüler mit ihrem streng durchgeplanten Tag ist das schon zeitlich kaum zu schaffen, ganz zu schweigen von der Frage, ob sie körperlich dazu in der Lage wären.

Die Zahlen jedenfalls sind alarmierend. Kinder und Jugendliche sind zu dick, zu faul, der Kampf gegen Fernsehen und Playstation scheint vorerst verloren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universitäten Bayreuth und Jena. Etwa ein Viertel eines Altersjahrgangs sei übergewichtig und bewege sich zu wenig, schreiben die Sportwissenschaftler Susanne Tittlbach und Ralf Sygusch. In einer Forsa-Umfrage unter 100 Kinderärzten bestätigten zudem 57 Prozent der Befragten, dass Rückenschmerzen bei Minderjährigen in den letzten Jahren zugenommen haben. Forscherin Tittlbach kann dies bestätigen: „Inaktive Jugendliche klagen häufiger über Schmerzen im Muskel-Skelett-System.“

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang – auch im Zeitalter von Computer und Fernsehen. Doch wird ihnen die Gelegenheit genommen, sich frei zu bewegen. Das beklagt zumindest Helga Leineweber vom Institut für Schulsport und Sportentwicklung von der Sporthochschule in Köln. „Es fehlen öffentliche Plätze für die Freizeit“, erklärt Leineweber. „Freiflächen werden zugebaut und Wiesen als Parkplätze angelegt.“ Gleichzeitig entstehen zunehmend Indoorspielhallen. Kaum ein Kind klettert noch einfach mal so auf einen Baum, läuft auf der Straße Rollschuhe oder fährt längere Strecken mit dem Rad zur Schule. Was bleibt, ist der Schulsport, oder, weitaus seltener, der Vereinssport.

Das Unterrichtsfach Sport wird allerdings stiefmütterlich behandelt. Sportstunden werden landauf, landab zugunsten von Fächern wie Mathematik oder Englisch gekürzt. Während Anfang der neunziger Jahre an Haupt- und Realschulen noch bis zu vier Stunden Sport unterrichtet wurden, liegen die Durchschnittswerte heute zwischen 2,2 und 2,4. An Gymnasien werden ab der siebten Klasse nur noch zwei Sportstunden pro Woche unterrichtet. Die Lehrergewerkschaften und der Deutsche Sportbund (DSB) beklagen, dass jede vierte Sportstunde ausfällt und die Sportanlagen zu einem Fünftel nicht mehr den Anforderungen genügen. „Auch von den Eltern kommt wenig Unterstützung“, sagt Sportwissenschaftlerin Tittlbach. Viele seien nicht mehr bereit oder hätten nicht die Zeit, ihre Sprösslinge in den Vereinssport zu fahren. Die Folge ist, dass Kinder klassische Bewegungsabläufe wie die Rolle vorwärts oder das Hüpfen auf einem Bein nicht mehr beherrschen. „Wenn ich schon banale Bewegungen nicht mehr schaffe, bin ich auch zu komplexeren motorischen Abläufen nicht fähig“, sagt Susanne Tittlbach. Dabei zeigt ihre Studie, dass Ausdauer, Kraft und Koordination zunehmen, je mehr Sport getrieben wird. Und mit der Leistungsfähigkeit verbessert sich auch die selbst eingeschätzte Fitness, mit dem Ergebnis, dass das Selbstwertgefühl steigt. „Jugendliche wollen ihre eigene Kraft ausleben“, sagt Tittlbach. Treiben sie Sport, sind sie emotional belastbarer und schließen schneller Kontakte zu anderen.

Eine weitere These der Forscher: Kinder wollen sich bewegen, aber anders. Obwohl sie mit dem genetischen Grundprogramm der Vorfahren ausgestattet sind, wachsen sie in einer Zivilisation auf, die weniger Bewegung abverlangt. Deshalb müssen die Vereine und auch der Schulsport sich auf die veränderten Ansprüche der Kinder einstellen. Tatsächlich entferne sich der Schulsport immer mehr vom klassischen Sportunterricht, sagt Helga Leineweber von der Kölner Sporthochschule. Während früher im Winter das Hallenturnen und im Sommer Leichtathletik auf dem Programm standen, gibt es heute alternative Angebote. Bewegungslandschaften ersetzen statische Übungsstationen wie Reck oder Kasten. „Kinder sollen ihre Bewegungserfahrung erweitern“, sagt Leineweber. Während Jugendliche im Leistungssport schon gut versorgt sind, geht es Leineweber darum, „den Breitensport wieder zu beleben“. Dazu gehöre auch eine moderne Bewegungskultur, kombiniert mit klassischen Sportarten: Staffellauf und Slacklines, Weitsprung und Waveboards.

Doch seit langem wird an Grundschulen rund die Hälfte der Sportstunden nicht von ausgebildeten Sportlehrern gehalten. An weiterführenden Schulen reichen die Lehrerstellen häufig nicht aus, um den Unterricht im Krankheitsfall aufrechterhalten zu können. Sportwissenschaftlerin Leineweber fordert, Schulen sollten vermehrt den Kontakt zu Vereinen suchen und mit „viel Sportsgeist“ gemeinsam ein Programm auf die Beine stellen.

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