Sprachdebatten mit dem Goethe-Institut : Deutsch, aber witzig

Keine Angst vor Kanak Sprak: Unter dem Titel Deutsch 3.0 wollen das Goethe-Institut, Sprachakademien und der Duden-Verlag ein Jahr lang öffentlich über den Zustand der deutschen Sprache diskutieren.

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Eine Szene aus dem Film "Fack ju Göhte": Schüler begrüßen eine Lehrerin.
Isch bin Schule. Die „Kanak Sprak“ der Jugendlichen, auch Kiezdeutsch genannt, findet der Germanist Heinrich Detering „geistreich...Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Christoph Assmann

Das Goethe-Institut findet „Fack ju Göhte“ gut. Dass die Schulkomödie im vergangenen Jahr in Deutschland zum erfolgreichsten Film wurde, „zeigt, dass die Jugendsprache im Zentrum der Gesellschaft angekommen ist“, sagt Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert. „Habt keine Angst vor der Jugendsprache“, wirbt auch Großgermanist Heinrich Detering, Professor für Neuere deutsche Literatur in Göttingen und Präsident der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Statt des viel beklagten „Abgleitens in den Sumpf der deutschen Sprache“ erkennt er in der „Kanak Sprak“ der Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine neue „Kultur des Witzes“.

Die Sprache der Migrantenkids und ihrer Peers auf dem Schulhof ist ein Thema der jetzt vom Goethe-Institut und Partnern wie der Darmstädter Sprachakademie und dem Duden-Verlag gestarteten Initiative „Deutsch 3.0 – Debatten über Sprache und ihre Zukunft“. Die Veranstaltungsreihe, die am Mittwoch in Berlin startete, tourt bis zum Ende des Jahres in zehn Städte bundesweit, aber auch nach Amsterdam, Wien und Budapest. In Vorträgen, Diskussionen und Performances soll der Zustand des Deutschen öffentlich verhandelt werden. Detering, Festredner beim Berliner Auftakt, warnte gleich vor dem beim Thema drohenden „Kulturpessimismus, mit dem der allgemeine Sprachverfall beklagt wird“ und sah etwa in der Abwehr von „einbürgerungsfähigen Anglizismen“ ein überholtes Mittel zur „sozialen Distinktion“. Und wenn die „Kanak Sprak“ verdammt werde, sei „der Schritt zur ethnischen Säuberung nicht weit“.

Das Goethe-Institut spricht seine Initiative vorsorglich von jedem Verdacht der Deutschtümelei frei. Man will „fern von jedem Kulturpatriotismus“ diskutieren, gibt sich mit dem modischen 3.0-Titel ganz neudeutsch. Doch Präsident Klaus-Dieter Lehmann glaubt, das Deutsche brauche auch im eigenen Land mehr Aufmerksamkeit. In Südeuropa stürmen junge Leute die Goethe-Institute, um sich für den deutschen Arbeitsmarkt fit zu machen. Auch in Russland und China habe Deutsch Konjunktur. In Indien ist die Aktion „Deutsch an 1000 Schulen“ angelaufen. Gleichwohl sei Deutsch keine Weltsprache, warnt Lehmann, es brauche Investitionen, um auch für das Ausland attraktiv zu bleiben. Und immerhin 78,4 Prozent der Deutschen finden einer Umfrage zufolge, dass mehr für die deutsche Sprache getan werden müsste.

Bericht zum Zustand der Sprache: Dem Deutschen geht es gut

Allerdings sind gleichzeitig 60 Prozent mit ihrem Zustand zufrieden. Dass es dem Deutschen sehr viel besser geht, als Sprachkritiker behaupten, hat vor kurzem der Erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache gezeigt, den die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften vorgelegt haben. Der Wortschatz ist in den letzten 100 Jahren um 1,6 Millionen Wörter gewachsen. Die Grammatik wurde leicht vereinfacht, doch der freie Umgang mit älteren und neueren Formen gilt den Sprachhütern als „klug und kreativ“. In dem Bericht ging es jedoch um die Standardsprache, um geschriebene und bearbeitete Texte etwa in Zeitungen oder der Belletristik. Der informelle Sprachgebrauch in SMS und Internet-Chats, in denen Sprachpuristen die schlimmsten Verfallserscheinungen entdecken, soll erst in einer Folgestudie untersucht und jetzt bei Deutsch 3.0 diskutiert werden.

Sorge über die Zukunft von Deutsch als Wissenschaftssprache

Für Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Mitveranstalter, steht schon fest, dass durch die digitale Kommunikation „das System der deutschen Sprache nicht angegriffen wird“. Mediale Umbrüche hätten immer zu Sprachwandel geführt, angefangen vom Buchdruck und der zunehmenden Alphabetisierung der Deutschen.

Und doch gibt es eine Domäne des Deutschen, die selbst Detering akut bedroht sieht – Deutsch als Wissenschaftssprache. Offenbar haben die vielen Appelle auch des Goethe-Instituts der vergangenen Jahre, dem Englischen als unbestrittener Lingua franca die Pflege des Deutschen entgegenzusetzen, keinen durchschlagenden Erfolg. Trotz der Werbung für „Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft“ wächst der anglofone Einfluss auch in den Geisteswissenschaften, auf Konferenzen selbst mit mehrheitlich deutschsprachigen Teilnehmern und in der Lehre.

Norbert Lammert beklagt "Selbstaufgabe der Eliten"

Erhebliche Teile der Geisteswissenschaften verlören etwas Lebenswichtiges, sagt Detering. „Die Muttersprache lässt uns im jeweiligen Gegenstand etwas anderes sehen.“ Detering beklagt die „jammervolle und fehlerhafte Einöde eines deutschen Kosmopolitismus“, nicht nur in Selbstdarstellungen der Hochschulen, sondern auch bei der Deutschen Bahn und in der Wirtschaft.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) spricht in seinem Grußwort gar von der „Selbstaufgabe“ der Eliten in Deutschland. Und Goethe-Präsident Lehmann warnt: „Je weniger in der Wissenschaft Deutsch gesprochen wird, umso weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft sprechen.“ Mehrere Veranstaltungen zur Wissenschaftssprache sind geplant, die erste in der kommenden Woche in Amsterdam (siehe Infokasten).

„Sprachpolizeiliche“ Eingriffe der Politik, die deutschsprachige Konferenzen verordnen oder der Bahn falsches Englisch verbieten, wünscht sich niemand. Am Ende des Jahres, wenn über alles diskutiert wurde und die Initiatoren noch einmal nach Berlin einladen, sollen aber Empfehlungen für eine noch bessere Zukunft des Deutschen ausgesprochen werden.

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