Sprache : Parasiten in der Linguistik

Evolution der Sprache: Wo Menschen vor Krankheiten flohen, bildeten sich neue Dialekte aus.

Frank Ufen

Niemand weiß genau, wie viele Sprachen heute auf der Welt gesprochen werden. Häufig werden Zahlen zwischen 6000 und 7000 genannt. Doch wenn man andere Kriterien wählt, um zwischen Sprachen und Dialekte zu unterscheiden, ergeben sich beträchtlich höhere oder niedrigere Schätzungen.

Sicher ist nur, dass die Vielfalt der Sprachen steigt, je weiter man sich auf die Regionen am Äquator zubewegt – die meisten Sprachen sind in den tropischen und subtropischen Regenwäldern zu finden.

Seit langem rätseln Sprachwissenschaftler, ob es einen logischen Zusammenhang zwischen dem Breitengrad und der Sprachenvielfalt gibt oder ob es einfach Zufall ist, dass in Regionen nahe des Äquators ein babylonisches Sprachengewirr entstand, während man in Nordeuropa oder Südamerika bis heute mit weniger Sprachen auskommt.

Die amerikanischen Evolutionsbiologen Corey Fincher und Randy Thornhill von der Universität New Mexiko in Albuquerque haben jetzt eine erstaunliche Erklärung gefunden: Sie sind davon überzeugt, dass in den Gebieten die meisten Sprachen gesprochen werden, in denen das Risiko am höchsten ist, von Parasiten befallen zu werden und sich lebensbedrohliche Infektionskrankheiten zuzuziehen. Über ihre Forschungsergebnisse berichten sie online im Fachjournal „Oikos“.

Die Wissenschaftler stellten für ihre Analyse Daten aller sechs Kontinente zusammen und fanden für jeden einen Zusammenhang zwischen der regionalen Artenvielfalt bei Parasiten und der Sprachvielfalt beim Menschen. An der Statistik ändert sich selbst dann kaum etwas, wenn man soziokulturelle und sozioökonomische Faktoren und die Auswirkungen des Kolonialismus berücksichtigt, versichern die Wissenschaftler.

Nach Auffassung von Fincher und Thornhill ist die Infektionsgefahr in den Regenwäldern der Tropen und Subtropen dort am größten, wo unzählige Parasitenarten leben. Als Folge daraus gibt es dort ein ständiges Wettrüsten zwischen Krankheitserregern und dem menschlichen Immunsystem. Unter solchen Umständen tun Menschen verschiedener Ethnien gut daran, einander aus dem Weg zu gehen. Denn bei jedem Kontakt mit Angehörigen anderer Kulturen riskiert man, sich mit Erregern anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepasst ist. Diese Situation führt dazu, dass sich eine Vielzahl winziger Gemeinschaften herausbildet, von denen jede sich eine eigene Sprache und Kultur zulegt. „Beim Kontakt mit Artgenossen müssen die Individuen Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen“, erklärt Fincher. Für Menschen besteht dieser Nutzen zum Beispiel in der Möglichkeit, einen Partner zu finden oder Handel zu treiben. Zu den Kosten zählen hingegen die Konkurrenz um Nahrung oder Infektionsrisiken.

Einige Anzeichen deuten allerdings darauf hin, dass auch klimatische und ökologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. So gibt der Anthropologe Daniel Nettle von der Universität im britischen Newcastle zu bedenken, dass es weitreichende Folgen hat, ob die für eine Region typischen Wachstumsperioden kurz oder lang sind. Sind sie lang, sind in der Regel ausreichend Ressourcen vorhanden, um selbst Gruppen mit sehr wenigen Mitgliedern ein Leben in Autarkie zu ermöglichen. Sind die Wachstumsperioden hingegen kurz, können selbst Gruppen, die sonst durch Welten voneinander getrennt sind, kaum umhin, miteinander Tauschbeziehungen einzugehen, um Hungersnöte abzuwenden.

Und der britische Biologe Mark Pagels argumentiert, dass Jäger und Sammler ohnehin Einzelgänger seien, die sich allenfalls dann zu größeren Kooperativen zusammenschlössen, wenn das Nahrungsangebot dürftig ist. „In ökologisch ärmlicher Umgebung sind Menschen und andere Tiere gezwungen, ausgedehnte Streifzüge auf sich zu nehmen, um genügend Nahrung zu finden“, sagt er. Dass sie dadurch früher oder später aneinandergeraten und sich miteinander vermischen, ist unvermeidlich. Doch in ökologisch reichen Gebieten wie in Papua-Neuguinea werden sogar in Dörfern, die bloß ein paar Kilometer voneinander entfernt sind, verschiedene Sprachen gesprochen.

Genau wie die Vielfalt der Sprachen ist auch die Biodiversität auf der Erde ungleich verteilt – am Äquator gibt es wesentlich mehr unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten als in den Breitengraden nahe der Pole. Auch sie könnten durch Parasiten gezwungen worden sein, sich räumlich voneinander abzugrenzen – und das fördert die Entstehung neuer Arten. Die meisten davon sind bis heute unentdeckt – und das dürfte auch für viele Sprachen gelten, die in den Regenwäldern am Äquator gesprochen werden.

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