Sprache : Was Latein nützt

Das Lernen der alten Sprache kann sich lohnen – aber die Logik schult es nicht.

Adelheid Müller-Lissner

Latein: eine Sprache, die – zumindest im Alltag – niemand mehr spricht, die man nicht gebrauchen kann, um sich im Urlaub zu verständigen oder um Filme in Originalsprache zu genießen. Da sollte die Anstrengung wenigstens indirekt Früchte tragen. Kein Wunder also, wenn für dieses Schulfach schon immer besonders heftig nach Begründungen gesucht wurde. Dass das Erlernen der alten Sprache mit der anspruchsvollen Grammatik die Genauigkeit, die Konzentrationsfähigkeit und das logische Denken schult, haben sich Generationen von Gymnasiasten von Eltern und Lehrern immer wieder sagen lassen. Doch so plausibel und nachvollziehbar das klingen mag – empirisch nachgewiesen wurde es bisher allenfalls mit wissenschaftlichen Instrumenten, die inzwischen als veraltet gelten.

Psychologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich nun ans Werk gemacht und die Auswirkungen von Lateinunterricht auf die kognitiven Fähigkeiten von Schülern der elften Jahrgangsstufe verschiedener Oberschulen untersucht. Zumindest bei ihren Testpersonen konnten sie dabei nicht feststellen, dass die Sprache der alten Römer ihren kognitiven Fähigkeiten besser bekommen wäre als eine moderne Fremdsprache, die die Kontrollgruppe zur gleichen Zeit lernte. Allenfalls bei einer Aufgabe zum Rechnen in Symbolen zeigte sich ein minimaler Vorsprung der Lateiner.

Die Tests, die sie den 16- bis 17-Jährigen vorlegten, untersuchen die Fähigkeiten zum „Reasoning“, ein Begriff, unter dem Kognitionspsychologen das logische, analysierende, schlussfolgernde Denken zusammenfassen. Genau die Art des Denkens also, die das Erlernen des Lateinischen ganz nebenbei fördern soll. Um Verzerrungen zu entgehen, die schon durch die Wahl der Fremdsprache entstehen könnten, testeten die Psychologen um Juniorprofessorin Tuulia Ortner vom Arbeitsbereich Psychologische Diagnostik und Intervention im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Freien Universität gleichzeitig auch Schüler der neunten Jahrgangsstufe, die gerade erst ihre Sprachwahl getroffen hatten. Denn sie hielten es für denkbar, dass Jugendliche, die sich für Latein entscheiden, von vornherein besonders gut logisch denken können. Auch am Ausgangspunkt zeigten sich allerdings keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Jugendlichen, die sich für die alte, und denen, die sich für eine neue Sprache entschieden hatten.

Tuulia Ortner ist fast ein bisschen enttäuscht über das Ergebnis ihrer Studie: „Ich bin ja eigentlich Lateinfan und habe die Sprache sogar neun Jahre lang gelernt“, sagt sie. Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Psychologie in Erziehung und Unterricht“ (3/2008) erschienen ist, ist aus ihrer Sicht denn auch vor allem ein Anstoß für weitere Untersuchungen. Schließlich hatten die Wiener Schüler nur zwei Jahre Lateinunterricht, und sie hatten erst spät damit begonnen, nachdem sie schon eine moderne Fremdsprache erlernt hatten. Gut denkbar also, dass es am späten Beginn und der kurzen Dauer des Unterrichts liegt, wenn sich keine Wirkung auf die kognitiven Fähigkeiten der Schüler zeigte. Interessant wäre jetzt, wie es sich auf das „Reasoning“ langfristig auswirkt, wenn Kinder schon in der fünften Klasse mit Latein beginnen.

Überhaupt erhofft sich Ortner wichtige Aufschlüsse vom Verfolgen individueller Lernbiografien. Denn wahrscheinlich profitieren nicht alle Schüler gleichmäßig vom Lateinlernen. „Möglicherweise können Menschen mit einer besonderen Sprachbegabung das Gebotene besser für sich nutzen, während andere nichts davon haben.“ Wenn es eines Tages Tests geben sollte, die das vorhersagen, würde das auf jeden Fall den Schülern nützen, vielleicht aber auch dem Image des Schulfachs Latein.

Dessen Verfechter behalten aber ohnehin noch ein paar Trümpfe in der Hand: Die meisten Jugendlichen, die in der Studie getestet wurden, lernten Latein aus eigenem Antrieb, weil sie die Sprachkenntnisse für ihr späteres Studium nutzen und ein besseres Verständnis für kulturgeschichtliche Zusammenhänge gewinnen wollten. 

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