Sprachentwicklung : Mamas Melodie

Schon Neugeborene schreien je nach Muttersprache ganz verschieden. Sprachentwicklungsforscher lauschen fasziniert.

Adelheid Müller-Lissner
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Baby hört mit. Bereits im Bauch der Mutter prägt sich dem Ungeborenen die Sprachmelodie ein. -Foto: ddp

Wenn Babys länger schreien, reagieren Erwachsene leicht genervt. Doch Säuglinge produzieren feine Klangbögen und zarte Melodien, die das Elternherz schon deshalb erfreuen sollten, weil sie Vorboten späterer sprachlicher Äußerungen sind. Was eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen aus Würzburg, Leipzig und Paris dazu in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht hat, ist sensationell: Schon in den allerersten Lebenstagen schreien deutsche und französische Babys unterschiedlich.

Während die 30 untersuchten Kinder, die in der Pariser Maternité Port-Royal auf die Welt kamen, schon mit zwei bis fünf Lebenstagen melodische Bögen mit ansteigender Tonhöhe bevorzugten, fiel die Tonhöhe der 30 Neugeborenen, deren Schreie im Rahmen der Deutschen Sprachentwicklungsstudie mit aufwendiger Digitaltechnik aufgenommen wurden, gegen Ende typischerweise ab. Die Neugeborenen produzierten damit Tonbögen, die denen ihrer jeweiligen Muttersprache entsprechen. Das tun sie nicht nur Monate, bevor sie in der Lage sind, einen einzigen Laut dieser Sprache zu artikulieren – sie tun es sogar, bevor sie Zeit hatten, sich nach der Geburt in ihrem sozialen Umfeld umzuhören.

Wann haben sie es gelernt? Schon länger weiß man, dass menschliche Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft die Stimme der Mutter und Stimmen und Geräusche der Umgebung hören und dass sie sich später an sie erinnern können. Nach der Geburt reagieren sie ganz besonders auf die Stimme ihrer Mutter und auf den vertrauten Klang der Muttersprache. „Wir konnten belegen, dass Babys das schon ganz früh in eigene Lautproduktion umsetzen“, erläutert Kathleen Wermke von der Uni Würzburg, zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Birgit Mampe eine der Autorinnen der Studie.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass erste Ansätze zur Imitation der Muttersprache rein biologisch erst ab einem Alter von drei Monaten möglich sind. Um die Umrisse einer Melodie imitieren zu können, ist jedoch nicht Artikulationsfähigkeit, sondern nur ein Zusammenspiel von Atmung und Kehlkopf nötig. Für Wermke ist die Neuentdeckung ein kleiner, aber bedeutsamer Puzzlestein in einem ehrgeizigen Forschungszweig, zu dem die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Deutsche Sprachentwicklungsstudie entscheidende Beiträge geleistet hat. „Wir wissen nun, dass Spracherwerb nicht erst mit dem Brabbeln und Lallen beginnt, sondern den ersten Babyschreien und ihrer Melodie.“

Dass Koautorin Angela Friederici, Direktorin am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, gute Kontakte zu Anne Christophe vom Laboratoire de Sciences Cognitives et Psycholinguistique der Ecole Normale Supérieure in Paris hatte, erwies sich dabei als Glücksfall. Konnte man doch dadurch Neubürger zweier Nachbarländer vergleichen, in deren Sprachen die Sätze ganz unterschiedliche Melodiebögen aufweisen. Mit kleinen Engländern oder Amerikanern wäre das sinnlos gewesen, weil im Englischen wie im Deutschen die Stimme gegen Ende eines Satzes meist nach unten geht.

Wermke findet es spannend, den melodischen Eigenschaften der frühen akustischen Signale zu lauschen. „Die Komplexität der Schreimelodie kann uns bald vielleicht schon Hinweise auf den Verlauf der weiteren Sprachentwicklung geben.“ Jetzt soll genauer unter die Lupe genommen werden, wie die Melodiebögen der ersten Tage und Wochen mit der weiteren Sprachentwicklung zusammenhängen. Kein Zweifel: In den Ohren von Sprachentwicklungsforschern sind Babyschreie Musik.

Sie plädieren aber keineswegs dafür, dass Eltern ihre Kinder möglichst lange brüllen lassen sollten, damit sie Gelegenheit bekommen, an ihrer Sprachmelodie zu feilen. „Im Gegenteil: Wenn ein Baby lange und laut schreit, nimmt die Melodik ab.“ Für verfehlt hält Wermke auch den Schluss, man könne mit gezielten Übungen im letzten Drittel der Schwangerschaft besonders sprachbegabte oder gar zweisprachige Kinder erzeugen. Sie möchte auch nicht die Befürchtung aufkommen lassen, aus anderen Ländern adoptierte Babys hätten sprachliche Startschwierigkeiten, weil sie in der Gebärmutter eine andere Sprache gelernt hätten als die der Familie, in der sie später aufwachsen. „Jedes Kind kann jede beliebige Sprache der Welt lernen!“ Toll sei doch vor allem, wie früh Menschen vorgeburtliche Hörerfahrungen gleich nach der Geburt in die eigene Lautproduktion umsetzen können. Nun interessieren sich die Forscherinnen dafür, wie diese Entwicklung bei hörbehinderten Babys abläuft.

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