Sprachpolitik : „Deutsch ist attraktiv“

Der Germanist Hans Barkowski zum Internationalen Kongress von 1300 Auslands-Lehrern in Jena und Weimar.

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Unterricht in Uganda. Zukunftsregionen für Deutsch als Fremdsprache sind auch Osteuropa und Asien. Foto: ddpddp

Herr Barkowski, was bewegt die 3000 Deutschlehrer aus 116 Ländern, die sich in diesen Tagen in Jena und Weimar treffen?

Im Zentrum steht der Austausch mit den deutschen und ausländischen Fachkollegen. Lehrkräfte aus aller Welt, die größtenteils in ihrer Heimat studiert haben, erhalten hier einen Überblick über den aktuellen Stand ihres Faches in den verschiedensten Bereichen. Regional unterschiedliche Lehr- und Lernstile können verglichen werden, man lernt voneinander. Wenn in einer der 44 Sektionen ein griechischer Deutschlehrer darüber berichtet, wie er deutsche Werbetexte in der Grundschule einsetzt, kann das für seinen Kollegen aus der Ukraine eine wertvolle Anregung sein.

Wie reagieren die Deutschlehrer aus aller Welt auf die Tagungsorte, die Wirkungsstätte deutscher Klassiker waren?

Unsere Ausflüge zum Goethe-Haus in Weimar oder ins Lutherhaus nach Eisenach waren schnell ausgebucht. Die Stiftung Weimarer Klassik hat ein Programm in mehreren Schichten organisiert. Aber wir fahren mit den Teilnehmern auch nach Buchenwald, Berlin und Leipzig. Es ist ein Angebot, Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall kennenzulernen. Für viele ist es in ihrem Lehrerdasein der erste Besuch. Und etliche haben noch in der DDR studiert. Ich beobachte auf den Gängen meiner Uni, wie sie sich mit alten Dozenten treffen.

Die Zahl der Menschen, die weltweit Deutsch lernen, geht zurück. Droht Bedeutungslosigkeit?

Nein! Zwar haben wir weltweit zwischen 2000 und 2005 drei Millionen Deutschlernende verloren. Aber die Entwicklung von Sprachen ist eine Frage der Präsenz in der Welt. Und da bin ich positiv gestimmt: Seit der Ära Steinmeier im Auswärtigen Amt gibt es eine deutliche Vorwärtsbewegung in Sachen Deutsch im Ausland. Sie ist keineswegs national orientiert – sondern vielmehr am interkulturellen Dialog. Herausragend ist das Partnerschulprojekt „Pasch“, an dem bis zu 1500 Schulen im Ausland beteiligt werden sollen, und das von den Goethe-Instituten und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen gemeinsam umgesetzt wird. Die Schulen werden beispielsweise bei der Einrichtung eines Computerpools unterstützt und bauen dann eine Chat-Partnerschaft mit Schülern in Deutschland auf.

Wo in der Welt sehen Sie neues Potenzial, neue Interessenten am Deutschlernen?

In den großen, fast überhaupt noch nicht für den Deutschunterricht erschlossenen Ländern wie Indien und China. Auch diese Länder soll das „Pasch“-Programm erreichen, und es wird erweitert um ein Wissenschaftsförderprogramm des Auswärtigen Amts und des Deutschen akademischen Austauschdienstes. Wer in Deutschland studieren will, muss Deutsch lernen. Auch ein globaler Trend wird dem Deutschen zugute kommen: Mehrsprachigkeit gilt als ein Schlüssel zu einer erfolgreichen beruflichen Karriere. Und da ist Deutsch neben Englisch und Spanisch ohne Zweifel dabei.

Wie entwickelt sich das Interesse in Osteuropa?

Die Osterweiterung der EU hat sich für uns noch nicht wirklich ausgezahlt. Allerdings wurden die Zahlen der Deutschlernenden europaweit zuletzt 2005 erhoben. Ich bin zuversichtlich, dass sie bei der nächsten Erhebung 2010 wieder steigen. Denn Deutsch ist die größte Sprache im EU-Raum und für junge Osteuropäer ist es ganz sicher attraktiv, eine Sprache zu lernen, die zu den drei Arbeitssprachen gehört.

Wie sollte ein moderner Deutschunterricht für Nicht-Muttersprachler aussehen?

Aus internationaler Sicht bin ich für einen sanften Dialog in der Frage der Methoden: Um Lehrkräfte im Ausland zu motivieren, jahrzehntelang eingefahrene Wege zu verlassen, sollte man vorsichtig die Tür öffnen für moderne Formen des Unterrichtens. Bei unserer Tagung ist jedenfalls das Interesse an Vorträgen zu Teamteaching oder Stationenlernen groß.

Und in Deutschland?

Hier ist heute zu Recht ein kommunikations- und handlungsorientierter Unterricht angesagt. Sprache sollte als Einheit von Bedeutung und Form verstanden werden und nicht so vermittelt werden, als wären Grammatik und Vokabeln zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Man muss den Schülern zeigen, dass eine Passivform oder ein Konjunktiv neue Darstellungsmöglichkeiten eröffnet. Handlungsorientierung heißt zu lernen, wo und wie man was zu wem sagt: in Rollenspielen und sprachlichem Probehandeln. Ich schicke meine Schüler gerne auf die Straße, in den Bus und sage ihnen: Du fragst dich jetzt durch!

Sollten Schüler mit Migrationshintergrund zweisprachig unterrichtet werden?

Kindern, die mit mangelnden Deutschkenntnissen eingeschult werden, kann man helfen, ihre Kompetenzen zu nutzen, indem man sie zweisprachig alphabetisiert. Allerdings sollte ein solcher Unterricht immer von zwei Lehrkräften betreut werden, damit die Kinder wirklich intensiv lernen.

Was halten Sie von der Kampagne für Deutsch als Wissenschaftssprache?

Ich vertrete auch hier das Konzept der Mehrsprachigkeit. Konferenzen sollten immer mehrsprachig organisiert werden. Wir als deutsche Wissenschaftler sollten selbstbewusst auftreten: Wenn französische oder englische Kollegen in ihrer Sprache Wissenschaft machen, dürfen wir das auch. Aber es ist durchaus in Ordnung, dass es mit dem Englischen eine Lingua franca gibt. Und selbstverständlich sollten alle Wissenschaftler ordentlich Englisch lernen, anstatt herumzustottern. Allerdings sollten auch englische und französische Wissenschaftler eine oder zwei Fremdsprachen beherrschen.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Hans Barkowski (62), ist Professor für Auslandsgermanistik und Deutsch als Fremd- sprache an der Uni Jena – und Präsident der Internationalen Deutschlehrertagung Jena-Weimar 2009.

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