Staatsbibliothek : Alte Bücher und digitaler Wandel

Die Bauarbeiten in der Staatsbibliothek Unter den Linden sind beendet, am Dienstag werden die neuen Lesesäle feierlich wiedereröffnet. Die Generaldirektorin erklärt, warum wir auch im 21. Jahrhundert weiter Bibliotheken brauchen.

Barbara Schneider-Kempf
Neuer Glanz. Im Zentrum des gewaltigen Gebäudes der Staatsbibliothek Unter den Linden wurden nach Plänen von HG Merz neue Lesesäle errichtet – im Bild der Übergang vom Rara-Lesesaal zum Allgemeinen Lesesaal.
Neuer Glanz. Im Zentrum des gewaltigen Gebäudes der Staatsbibliothek Unter den Linden wurden nach Plänen von HG Merz neue Lesesäle...Foto: Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Jörg F. Müller

Zur Zukunft der Bibliotheken sind immer wieder zwei Fragen zu hören, die deren Zukunft radikal infrage stellen. Wozu braucht es kostspielige neue Lesesäle, in denen dann doch wieder nur alte Bücher stehen? Wozu all die Bauten, da alles digitalisierbar ist und so das Recherchieren von Informationen jenseits von Orten und Öffnungszeiten möglich wird?

Die Antwort liegt auf der Hand – sicher nicht nur aus Sicht großer staatlicher Büchersammlungen: Auch weiterhin haben wissenschaftliche Bibliotheken den Auftrag, sich neben dem Ausbau ihrer „digitalen Bibliotheken“ dem Sammeln und Bewahren des schriftlichen Wissenschafts- und Kulturerbes zu widmen und dieses in angemessenen Umgebungen mit modernen Dienstleistungen bereitzustellen. Wir werden uns noch lange in einer Übergangszeit befinden, in der das Arbeiten mit digitalem Material in digitalen Umgebungen rasant zunimmt, ohne dass zugleich das Buch seine Bedeutung verliert. Und selbstverständlich gehören alte Bücher in einen modernen Lesesaal. Denn dort präsentiert sich physisch, was Gesellschaften im Lauf der Jahrhunderte geschaffen haben.

In den Lesesälen kann der wissenschaftliche und kulturelle Reichtum in die Hand genommen werden, während man parallel in digitale Forschungsumgebungen „eintaucht“. In über 350 Jahren hat auch die Staatsbibliothek zu Berlin einen gewaltigen Kosmos an Literatur gesammelt, Handgeschriebenes, Gedrucktes, Digitalisiertes oder ausschließlich elektronisch Verfasstes – verschriftlichte Wissensproduktion aller Zeiten, aller Länder und aller Sprachen.

Für ein Land wie Deutschland ist es selbstverständlich, solchen unschätzbar wertvollen Sammlungen auch architektonisch-funktional Ausdruck zu verleihen. So betreibt die Berliner Staatsbibliothek zwei große Standorte, die ob ihrer Lage, ihrer Architektur und ihrer Inhalte große Reputation genießen. Am Kulturforum steht seit 1978 das von Hans Scharoun entworfene Bibliotheksgebäude mit seinem spektakulären Lesesaal, eine Architekturikone der Moderne. Unter den Linden verfügt die Staatsbibliothek über ein gewaltiges, 1914 eröffnetes Gebäude, in dessen Zentrum der vom Stuttgarter Architekten HG Merz entwickelte neue Lesesaal mit einem 36 Meter hohen Glaskubus erstrahlt.

Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek
Meister-Saal. Architekt HG Merz entwarf den neuen zentralen Lesesaal für die Staatsbibliothek Unter den Linden als kubischen Lichtkörper. Von außen milchig-weiß leuchtend, dominieren im Innenraum warme orange-rote Farben und Holztöne. Unter der Decke des Lesesaals hängt – als Kunst am Bau – eine Papierskulptur von Olaf Metzel.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Thilo Rückeis
10.12.2012 21:18Meister-Saal. Architekt HG Merz entwarf den neuen zentralen Lesesaal für die Staatsbibliothek Unter den Linden als kubischen...

Mit der Eröffnung eben dieses Lesesaals in dieser Woche wird die Profilierung der Allgemeinen Lesesäle, die sich inhaltlich ergänzen, endlich abgeschlossen: Während am Kulturforum die Forschungsbibliothek der Moderne mit frei zugänglicher Literatur aus der Zeit der Moderne bis zur Gegenwart angesiedelt ist, stehen Unter den Linden Bücher für die historische Forschung aus allen Epochen der Vormoderne, deren Abschluss die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert markiert.

Zurück zu den „alten“ Büchern: Nein, nicht jedes alte Buch ist unnütz, und viele sind gerade wegen ihres Alters und ihrer inhaltlichen Überholtheit wertvoll. Sicher hat ein medizinisches Fachbuch von 1900 im Lesesaal einer normalen Bibliothek nichts zu suchen, dort muss das neueste Standardwerk zu allen Zweigen der Medizin stehen. Doch eben dieses Buch von 1900 gehört unbedingt in die Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin, die Teil eines mehrstufigen Systems der bundesweiten Literaturversorgung ist. Keine Bibliothek bietet alles, aber alle gemeinsam können jeden Buch- und Datenbankwunsch erfüllen. Nur mithilfe des medizinischen Fachbuchs von 1900 sowie seiner vorhergehenden und nachfolgenden Ausgaben wird man die Genese bestimmter medizinischer Entwicklungen nachzeichnen können, die Wissenschaftsgeschichte braucht in allen Disziplinen solche Quellen.

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