Stadtgeschichte : „Berlins Uni ist die FU“

Im Falle der Wiedervereinigung wird es nur die Freie Universität in Berlin geben. Das schrieb 1951 der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter. Die Humboldt-Universität sollte abgewickelt werden.

Anja Kühne
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Ernst Reuter

„Im Falle einer Vereinigung von West- und Ostberlin wird es nur eine Universität in Berlin geben und das wird die Freie Universität sein.“ Diesen Satz schrieb der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter am 11. Juli 1951 in einem Brief an einen Vertreter der US-amerikanischen Ford-Stiftung. Der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, sieht in dem Schreiben „ein sensationelles Dokument, das von weitreichender Bedeutung für die Geschichte und die Zukunft der Freien Universität Berlin ist“, wie er in der Einladung zu einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am gestrigen Donnerstag formulierte. Forscher hätten den Brief erst vor wenigen Tagen entdeckt.

Für Lenzen ist das Dokument „eine Art Vermächtnis“: „Es erfüllt uns mit Freude und einer Art historischer Genugtuung, die Freie Universität in der Kontinuität des Denkens jenes Mannes zu sehen, der Berlin in schwersten Zeiten von Blockade und Kaltem Krieg in eine Entwicklung geführt hat, die 1989 letztendlich zur Freiheit für ganz Berlin führte.“

Das Schreiben Ernst Reuters, das als Abschrift des Originals erhalten ist, steht im Zusammenhang eines Besuches einer kleinen Delegation der Ford Foundation an der FU am 9. Juni 1951. Henry Ford II – nicht zu verwechseln mit seinem antisemitischen Großvater Henry Ford I – kam zusammen mit Alvin C. Eurich, in der Stiftung für Bildung zuständig, und dem Präsidenten der Ford Foundation, Paul G. Hoffman, zu einem Besuch an die FU. Dabei wollten die Amerikaner erkunden, wie nachhaltig in die FU investierte Mittel angelegt wären. In einem Treffen mit Ernst Reuter sowie dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses Otto Suhr, dem Senator für Volksbildung Joachim Tiburtius, dem Finanzsenator Friedrich Haas, dem FU-Rektor Hans von Kress und Vertretern der Alliierten erhielt die Ford-Stiftung die Zusage des Regierenden Bürgermeisters, die FU werde auch im Falle der Wiedervereinigung „immer als Universität Berlins bestehen bleiben und selbstverständlich auch in der Zukunft von Berlin unterhalten werden“, wie Reuter wenige Tage später in seinem Brief beteuerte. Denn die Amerikaner hatten sich eine schriftliche Zusage gewünscht. Im Anschluss formuliert Reuter den für die FU entscheidenden Satz, im Falle einer Wiedervereinigung werde es nur eine Universität in Berlin geben, nämlich die FU. Danach heißt es: „Es werden noch brauchbare Institute aus dem Osten mit in die Universität eingebaut werden, jedoch wird die Universität ihren Schwerpunkt immer in Dahlem haben. Damit wird ein alter, über 50 Jahre bestehender Plan, in Dahlem eine Zentrale der Wissenschaft zu schaffen, durchgeführt werden.“

"Deutsches Oxford" in Dahlem

Reuter bezieht sich auf das preußische Konzept, ein „deutsches Oxford“ in Dahlem zu schaffen, eine Idee des Kulturpolitikers Friedrich Althoff, die mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max- Planck-Gesellschaft) 1911 in Dahlem auch teilweise umgesetzt wurde.

Aus Lenzens Sicht belegt Reuters Brief „die Entschlossenheit“ des Regierenden Bürgermeisters, „die Modernisierung des Berliner Wissenschaftssystems visionär an die Innovation anzuschließen, die lange vor den beiden deutschen Diktaturen in Dahlem 1910 angelegt war“.

Reuters weitgehendes Bekenntnis zur FU und zu Dahlem ist sicher nicht zuletzt mit dem Wunsch nach finanzieller Hilfe der Amerikaner zu erklären. Warum sieht die FU in dem Fund dann eine Sensation? Oder will sie nur die Humboldt-Universität ärgern, wünscht sie sich gar einen ähnlichen Brief von Klaus Wowereit? „Es geht nicht darum, Ansprüche zu erheben“, sagte Lenzen. Vielmehr sei zu fragen, warum Reuters Bekenntnis zur FU im „Institutionengedächtnis verloren gegangen“ sei. In der Tat war es nicht die HU, sondern die FU, deren Existenz nach der Wiedervereinigung von Politikern immer wieder infrage gestellt wurde. Das aber ist – und darauf kommt es Lenzen an – schon historisch betrachtet abwegig: „Die FU hat ihren absoluten Platz in Berlin – nicht mehr und nicht weniger.“

Auch die Ford-Stiftung war mit Reuters Aussage zufrieden: Sie unterstützte die FU bis zum Anfang der sechziger Jahre mit mehr als 12 Millionen D-Mark. 

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