Stammzellenforschung : Goldstandard für Forscher

Laut einem aktuellen Gutachten sind embryonale Stammzellen für die medizinische Forschung weiterhin nötig.

Adelheid Müller-Lissner

Sie gelten als die saubere und doch wirkungsvolle Alternative zu embryonalen Stammzellen. Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) können gewonnen werden, ohne dabei Embryonen oder Eizellen zu verbrauchen. Und es besteht Hoffnung, dass sie – anders als die wenig flexiblen adulten Stammzellen – so vielseitig sind wie embryonale Stammzellen und sich zu zahlreichen Gewebtypen entwickeln können.

Daher ist es nicht erstaunlich, dass die Forschungserfolge in Sachen iPS in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erfuhren. Im Jahr 2006 war es einer japanischen Arbeitsgruppe erstmals gelungen, Zellen von Mäusen in den Tausendsassa-Zustand zurückzuprogrammieren. Später gelang die Rückführung in den pluripotenten Zustand auch mit menschlichen Zellen.

Obwohl Deutschland derzeit zwischen zwei Regierungen steht, kommt jetzt von zwei Akademien eine Empfehlung zu „Neuen Wegen der Stammzellforschung“, die sich vor allem an die Politik richtet. „Wir wollten das Thema frühzeitig aufgreifen“, sagte Volker ter Meulen, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, bei der Vorstellung des schmalen Bändchens in der vergangenen Woche in Berlin. Es ist in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entstanden.

Deren Präsident Günter Stock äußerte die große Hoffnung, man werde bald mit den iPS dieselben Ziele erreichen können wie mit embryonalen Stammzellen, mit denen in Deutschland nur unter strengen Auflagen geforscht werden darf. So dürfen die Wissenschaftler nur embryonale Stammzellen nutzen, die vor dem 1. Mai 2007 im Ausland hergestellt worden sind.

Weil iPS ethisch weitaus weniger bedenklich sind, wird ihnen eine große Zukunft vorausgesagt. Es wäre etwa denkbar, Kindern mit Leukämie Hautzellen zu entnehmen, die zuerst in iPS zurückprogrammiert, dann zu Blutstammzellen entwickelt und den Patienten nach einer Chemotherapie zum Aufbau gesunder Blutzellen gegeben werden. Außerdem können die iPS auch genutzt werden, um die Wirkung neuer Arzneimittel im Labor zu testen. Schließlich könnte man sie eines Tages auch für echte Gentherapien nutzen. Bei Mäusen mit Sichelzellanämie ist das bereits gelungen: Kranke Zellen wurden im Labor zunächst zu iPS rückprogrammiert, aus denen Zellen ohne den Defekt gezüchtet werden konnten.

„Ohne die Forschung mit embryonalen Stammzellen hätte man allerdings die Gene nicht identifizieren können, die Zellen pluripotent machen“, gab der Charité-Humangenetiker Karl Sperling zu bedenken. Diesen Erkenntnissen ist es zu verdanken, dass die künstliche Rückprogrammierung gelingen konnte. Die embryonalen Stammzellen werden weiter gebraucht, machte Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben deutlich. „Sie bleiben unser Goldstandard, wir müssen die iPS-Zellen unbedingt mit ihnen vergleichen.“ Die Akademien empfehlen der Politik folglich, das gesamte Gebiet der Stammzellforschung verstärkt zu fördern, auch die Arbeit an embryonalen Zellen. Adelheid Müller-Lissner

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