Stammzellforschung : Langer Weg zur Therapie

Der Robert-Koch-Preis geht an drei Stammzellpioniere. Bis die neuartige Stammzellbehandlung tatsächlich für jedermann verfügbar sein wird, werden trotzdem noch viele Jahre vergehen.

Hartmut Wewetzer

Führende Stammzellforscher haben vor übereilten Hoffnungen gewarnt. Bevor Stammzellen gegen Krankheiten wie Diabetes oder zur Linderung von Lähmungen eingesetzt werden können, seien noch viele Fragen zu lösen, sagte Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto aus Anlass der Verleihung des Robert- Koch-Preises am Freitag in Berlin. Neben dem Japaner Yamanaka (46) erhielten der Deutsche Hans Schöler (55, Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, Münster) und der Amerikaner Irving Weissman (69, Universität Stanford) die mit insgesamt 100.000 Euro dotierte Ehrung.

Yamanaka wurde schlagartig bekannt, als es ihm vor zwei Jahren gelang, ausgereifte Zellen in Stammzellen umzuwandeln. Dazu benötigte er jedoch potenziell krebserregende Retroviren. "Yamanakas Arbeit öffnete die Tür", sagte Hans Schöler. "Inzwischen wissen wir, dass man die Viren ersetzen kann." Das Rezept sei da, nun müsse man es verwenden.

Bis die neuartige Stammzellbehandlung tatsächlich für jedermann verfügbar sein wird, werden noch viele Jahre vergehen. Irving Weissman schätzt, dass zunächst fünf Jahre für eine Erprobung in der Zellkultur und bei Tieren erforderlich sein werden. Dann folgen Tests auf Verträglichkeit (zwei Jahre) und schließlich etwa drei Jahre, in denen die Therapie erstmals beim Menschen eingesetzt wird. Erst danach kann eine Zulassung durch Arzneimittelbehörden erfolgen.

Vor allem in Deutschland laufen jedoch seit Jahren Studien mit ausgereiften "adulten" Stammzellen aus dem Blut. Sie werden Patienten nach einem Infarkt in die Herzkranzgefäße gespritzt, um den Herzmuskel zu regenerieren. Weissman bezweifelt, dass sich solche Stammzellen in Muskelgewebe umwandeln. "Wir haben das nachgeprüft und festgestellt, dass eine solche Verwandlung von Blutstammzellen in Hirngewebe oder Muskelzellen niemals erfolgt."

Vom neuen US-Präsidenten erhofft sich Weissman, dass er bei seinen Entscheidungen "Sorgfalt und Vernunft" statt "Ideologie und Religion" in den Vordergrund stellen wird. Der scheidende US-Präsident Bush hatte die bundesstaatliche Förderung für die Erforschung menschlicher embryonaler Stammzellen weitgehend blockiert und damit heftige Proteste hervorgerufen.

Amerikanische Hochschulen wie die Harvard-Universität legten eigene Förderprogramme auf. Kalifornien rief ein milliardenschweres Förderprogramm für die Stammzellforschung ins Leben.

"Das Beste, was der deutschen Wissenschaft passieren konnte, war George Bush", scherzte Hans Schöler, der 2004 aus den USA nach Deutschland zurückkehrte. Allerdings dürfte es mit dem "Standortvorteil" bald vorbei sein, denn Barack Obama hat bereits angekündigt, die Blockade der Wissenschaft zu beenden. Mit dem strengen deutschen Stammzellrecht kann Schöler leben, auch wenn er nicht zufrieden ist. "Ich bin Pragmatiker."

Neben den drei Stammzellpionieren wurde in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Genetiker Philip Leder (73) von der Harvard Medical School mit der Robert-Koch-Medaille in Gold ausgezeichnet. Postdoktoranden-Preise erhielten Christoph Schoen (38, Uni Würzburg), Bärbel Kaufmann (35, Purdue-Universität, USA) und Astrid Westendorf (35, Uni Duisburg-Essen).

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