Stasiopfer : Von der DDR verfolgt

Das seelische Trauma zeichnet die Opfer der Staatssicherheit in der DDR – bis heute.

Rosemarie Stein

Lange blieb das Leiden der Stasiopfer verborgen. Erst jetzt beschäftigt man sich zunehmend mit den seelischen Auswirkungen der Diktatur. So auch auf der Charité-Veranstaltung „Politische Repression in der DDR und ihre psychischen Folgen“ im Hörsaal des Benjamin-Franklin-Klinikums. Dass das Thema vernachlässigt wurde, liegt, so sagte der Arzt und Psychotherapeut Karl-Heinz Bomberg, auch daran, dass psychisch Traumatisierte ihre seelischen Verletzungen zunächst meist verdrängen: Jahre- oder gar jahrzehntelang zeigen sie keine Auffälligkeiten, bis eine neue psychische Belastung sie zusammenbrechen lässt. Oder sie suchen wegen körperlicher Beschwerden, die oft psychosomatischer Natur sind, einen Experten nach dem anderen auf, ohne fachkundige Hilfe zu finden.

Bomberg selbst ist gleich doppelt kompetent in diesem Bereich: In seiner psychoanalytischen Praxis behandelt er Patienten mit psychischen Störungen, die auf eine politische Verfolgung in der DDR zurückgehen. Er selbst stammt auch aus der DDR und wurde als dissidenter Liedermacher inhaftiert. In der rund tausendseitigen Akte „Operativer Vorgang Sänger“ bezeichnete das Ministerium für Staatssicherheit seine Protestlieder als „staatsfeindliche Hetze“.

Zwischen 1945 und 1989 waren in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR rund 300 000 Personen aus politischen Gründen und oft unter nichtigem Vorwand inhaftiert. Dazu kommen laut Bomberg noch diejenigen, die zwar nicht im Gefängnis saßen, aber dennoch verfolgt wurden. Insgesamt, so sagte Bomberg, hätten 300 000 Personen gesundheitliche Schäden durch Repressionen mit oder ohne Haft davongetragen. 100 000 von ihnen würden immer noch unter psychischen Folgeerkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

Ein psychisches Trauma beschrieb Bomberg als „unsichtbare Wunde im Selbst“. Entstanden ist sie durch Erlebnisse, die außerhalb der normalen menschlichen Erfahrung liegen, von Unfall und Vergewaltigung bis hin zu Naturkatastrophen, Krieg, Haft und Folter. Zum Selbstschutz wird das Erlebte verdrängt und verleugnet.

Oft hat Karl-Heinz Bomberg solche Abspaltungsreaktionen bei Opfern jener perfiden Methoden beobachtet, die als „Zersetzung“ in der Juristischen Hochschule der Staatssicherheit in Potsdam-Eiche gelehrt wurden. Mit Beginn der siebziger Jahre war die DDR zunehmend besorgt um ihr Ansehen im Ausland und wollte als möglichst humaner Staat erscheinen. Deshalb beschloss die Obrigkeit, Widerständlern nicht mehr mit offensichtlicher Gewaltandrohung und Inhaftierung zu begegnen, sondern versteckter vorzugehen: „Zersetzung“ bedeutete eine Art von psychischer Folter, die vor allem im Alltag von politisch unliebsamen Personen stattfand. Mitunter reichte schon ein Ausreiseantrag, und der Betreffende wurde das Opfer von zahlreichen Repressionen. Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi hinderten ihn am beruflichen Fortkommen und streuten gezielt Gerüchte, die seine privaten Beziehungen bedrohten. Systematisch wurden Selbstwertgefühl und sozialer Rückhalt zerstört.

In der Behandlung solcher nachhaltig verunsicherter Menschen komme es, so sagte Bomberg, vor allem darauf an, mit viel Geduld eine Vertrauensbeziehung zu schaffen. Erst dann lasse sich schrittweise mit der Aufarbeitung des Traumas und spezifischen Behandlungsverfahren beginnen.

Die Therapie gestaltet sich schwierig, denn „Verlassenheitserlebnisse, Angstüberflutungen, Vertrauensverluste werden dauerhaft ins Gehirn eingeschrieben, wie wir aus der neueren Hirnforschung wissen“, heißt es in dem von Bomberg mitverfassten Sammelband „Traumatisierungen in (Ost-) Deutschland“. Erschwerend komme hinzu, dass die spezifisch ostdeutschen seelischen Verletzungen oft „als Larmoyanz und Verbitterung denunziert“ würden. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Heilung nicht nur von der individueller Psychotherapie, sondern auch von der gesellschaftlichen Atmosphäre abhänge.

Derzeit sei diese der Heilung nicht förderlich, sagte Bomberg. Seiner Beobachtung nach fühlen sich die Opfer oft allein gelassen und unverstanden. Eine Ansicht, die von den Betroffenen, die anwesend waren, bestätigt wurde. Einer von ihnen sprach davon, dass er ständig neue Verletzungen erleide, weil die Täter von damals wieder in Amt und Würden seien. Auch befürchte er, auf seiner Suche nach einem Therapeuten womöglich an einen Psychologen zu geraten, der früher im Dienste der Stasi gestanden hatte. Mehrere der anderen Anwesenden, die unter Spätfolgen der politischen Repression litten, klagten, noch immer keinen kompetenten und verständnisvollen Therapeuten gefunden zu haben und nur mit Psychopharmaka „zugedröhnt“ worden zu sein. Rosemarie Stein

Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie vom Campus Benjamin Franklin hilft Betroffenen bei der Vermittlung kompetenter Psychotherapeuten. Zu erreichen ist die Klinik telefonisch unter 84 45 39 96 oder per E-Mail: psychosomatik-cbf@charite.de

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