Stauffenberg : Romantiker im Widerstand

Wer war Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Zwei neue Biografien über den Hitler-Attentäter.

Konstantin Sakkas
Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Claus Schenk Graf von Stauffenberg. -Foto: dpa

Er ist die Symbolfigur des deutschen Widerstandes gegen Hitler: Claus Graf Schenk von Stauffenberg, geboren am 15. November 1907, hingerichtet in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 in Berlin, in der Bendlerstraße, die heute seinen Namen trägt. Niemand hat sich so entschlossen gegen das Unrechtsregime gestellt, niemand hat energischer an seiner Beseitigung gearbeitet als der Generalstabsoffizier mit den humanistischen Ambitionen und den unerbittlichen moralischen Grundsätzen.

Mit gleich zwei Biografien wird sein 100. Geburtstag gefeiert: Peter Hoffmann und Peter Steinbach, beide ausgewiesene Kenner der Geschichte des Widerstands, widmen sich vor allem der menschlichen Entwicklung Stauffenbergs, von der Kindheit im beschaulichen Königreich Württemberg über die intellektuelle Sozialisation im Kreis um Stefan George, den Eintritt in die Reichswehr und die moralische Konfrontation mit dem NS-System bis zum Auftritt auf der Bühne der Weltgeschichte in Hitlers Holzbaracke im ostpreußischen Rastenburg.

Einmal mehr wird bei der Lektüre deutlich: Wenn es einen energischen Charakter im militärischen Widerstand gab, dann Stauffenberg, den seine schwere Verwundung im April 1943 zugleich – Ironie der Geschichte – davor bewahrte, mit den zusammengeschmolzenen Resten der Heeresgruppe Afrika kaum einen Monat später in englische Gefangenschaft zu geraten. Erst kurz zuvor, 1942, war er zu jenem Kreis oppositioneller Offiziere gestoßen, die sich den Umsturz des Regimes zum Ziel gesetzt hatten. Ein „Spätberufener“, der angesichts der unabwendbaren militärischen Niederlage in Russland mehr aus Opportunismus als aus Moral zum Widerstandskämpfer wurde, war er gleichwohl nicht: Von Geburt her Aristokrat und Patriot, sympathisierte Stauffenberg wohl mit dem deutschen Nationalismus, aber nicht mit der NS-Bewegung, auch nicht 1933.

Dass er am Tag der „Machtergreifung“ als junger Leutnant mit seiner Kavallerieschwadron jubelnd durch seine Garnisonsstadt Bamberg geritten sei, entlarvt Steinbach als posthume Legende, die wohl besonders jenen rechtskonservativen Kreisen im Nachkriegsdeutschland behagt haben dürfte, denen der Katholik in Uniform noch in den sechziger Jahren als Hochverräter galt.

„Arme Verräterkinder“ schimpfte man noch in den Fünfzigern die Halbwaisen Stauffenberg. Über deren weiteres Schicksal hatte der Reichsführer SS Himmler nur zehn Jahre zuvor verfügt: „Die Familie Stauffenberg wird ausgerottet bis ins letzte Glied!“ Wohl verliehen Schauspieler wie Bernhard Wicki und Wolfgang Preiss dem gescheiterten Attentäter einen auch heute noch bemerkenswerten cineastischen Glanz; doch ins kollektive Bewusstsein drang die Erinnerung an das „andere Deutschland“ erst nach und nach – definitiv erst in den 90er Jahren. Denn für die antifaschistischen 68er stand der schneidige Oberst im Generalstab aus uradeligem Hause wiederum zu sehr in der rechten Ecke. Neben Peter Hoffmann, dessen 1992 erschienene Biografie nunmehr in erweiterter Fassung aufgelegt wurde, setzte damals vor allem Joachim Fest („Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“) in der Forschung Standards.

Doch kaum dass sich das Gedenken an den Widerstand allgemein etabliert hatte, setzte eine Gegenbewegung von der anderen Seite ein. Mit der Wehrmachtsausstellung geriet seit 1995 auch die militärische Opposition in die wissenschaftliche Kritik: Viele, vor allem jüngere, Historiker überführten durch teils gewagte Quellenauswertungen Widerstandskämpfer wie Henning v. Tresckow einer nazistischen Gesinnung, während andere die reaktionären Elemente in der Vorstellungswelt des deutschen Adels vor 1933 als Protofaschismus auslegten.

Auch Stauffenberg wusste 1942 über das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Russland ziemlich umfassend Bescheid; dass er dennoch nicht gleich zum Attentäter wurde, macht ihn indessen noch nicht zum Nazi. Im Gegenteil: Anders als vielen, meist höherrangigen Möchtegern-Widerständlern in der Wehrmacht – etwa Generaloberst Franz Halder – war es ihm von Anfang an ernst um den Widerstand. Wenn jemand am Tag des Aufstands „funktionierte“, dann eben der einäugige, kriegsbehinderte Oberst, nicht seine zaudernden Mitverschwörer wie General Olbricht, der mit der Auslösung des „Walküre“-Befehls drei Stunden lang zögerte.

Dabei war Stauffenberg, der große Praktiker des Widerstands, zugleich auch sein spirituellster Kopf. Mit seinen Brüdern Alexander und Berthold schloss er sich als Jugendlicher dem Kreis um Stefan George (1868–1933) an, jenen Dichter, der mit revolutionär-konservativem Pathos das Kommen eines säkularen Erlösers und mit ihm das Ende der Moderne prophezeite, die auch seinem Eleven Stauffenberg als Epoche des Nihilismus und der Dekadenz galt. Dennoch sieht Steinbach in der George-Erfahrung ganz unideologisch „eine hervorragende Einübung für ein Leben und Wirken im bestimmenden Zwielicht der nationalsozialistischen Diktatur“. Von einer negativen Geistesgeschichte nach dem Schema George-Hitler-Stauffenberg, wie sie Sebastian Haffner in den „Anmerkungen zu Hitler“ nahelegte, will er wenig wissen, dafür umso mehr von der individualistischen Tendenz des „Kreises“, die neben seinen sektiererischen Elementen bestand.

Stauffenbergs Endzeit-Idealismus jedenfalls war frei von dem verkrampften Nihilismus, der manchen Zeitgenossen in Intelligenz und Militär – man denke an Gottfried Benn – zum NS-Kollaborateur aus untergangsseligem Fatalismus werden ließ. Eher machte er ihn für das Verbrecherische, Schmutzige im Weltbild Hitlers besonders sensibel.

So zeigt sich, dass die konservativen Facetten im Profil Stauffenbergs keineswegs in Gegensatz zu seiner moralischen Kraft stehen, sondern diese vielmehr zu einem wesentlichen Teil mit konstituiert haben. Das Leben Stauffenbergs ist auch ein Beweis dafür, wie humanitär jener deutsche romantische Idealismus sein konnte, in dessen Tradition er stand. Schließlich steht die Tat Stauffenbergs, wie Hoffmann und Steinbach betonen, in der deutschen Geschichte „ohne Beispiel“ da. Und nicht nur in der deutschen: Englands Karl I. und Frankreichs Ludwig XVI., beides durchaus keine Tyrannen, wurden vor allem aus politischem Kalkül enthauptet; wäre der Weltfeind Hitler am 20. Juli 1944 umgekommen, dann durch die Hand eines Mannes, der, gerade weil er „Romantiker“ (so der Historiker Gordon A. Craig) war und dennoch zur Tat schritt, besonderen Respekt verdient.

Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie; Pantheon, München 2007, 720 Seiten, 14,95 € . Peter Steinbach: Claus von Stauffenberg. Zeuge im Feuer; DRW Verlag Weinbrenner, Leinfelden-Echterdingen 2007, 108 Seiten, 12,90 €.

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