Steinzeitjäger : Säbelzahntiger lebte bis vor 28.000 Jahren in Europa

Nicht nur der Neandertaler musste das mächtige Gebiss des Raubtiers fürchten. Auch noch als Homo sapiens zuwanderte, erwarteten ihn die Riesenkatzen.

Auf dem Sprung. So dürfte der Säbelzahntiger ausgesehen haben.
Auf dem Sprung. So dürfte der Säbelzahntiger ausgesehen haben.Foto: imago/StockTrek Images

Wenn es so etwas wie eine Urangst vor Raubtieren gibt, dann muss auch die Säbelzahnkatze tiefe Kratzspuren im kollektiven Gedächtnis der Menschheit hinterlassen haben. Mit mehr als einem Meter Schulterhöhe und einem Gewicht von bis zu 400 Kilogramm war Homotherium latidens, die Scimitarkatze, etwa so groß wie heutige Löwen oder Tiger. In Europa musste sich der Neandertaler seit jeher vor den messerscharfen Zähnen und Klauen des Räubers in Acht nehmen und mit ihm um Beute konkurrieren.

2014 fanden Forscher im niedersächsischen Schöningen Wurfspeere neben den 300.000 Jahre alten Knochen und Zähnen einer Säbelzahnkatze. Bislang waren das die jüngsten Funde von Säbelzahntigern in Europa, die Gattung galt dort seit dieser Zeit als ausgestorben. Doch jetzt haben Potsdamer Forscher entdeckt, dass ein Kieferknochen eines Säbelzahntigers aus der Nordsee nur 28.000 Jahre alt ist, schreiben sie im Fachblatt "Current Biology". Damit hat nicht nur der Neandertaler, sondern wohl auch der später nach Europa zugewanderte moderne Mensch, Homo sapiens, mit der Scimitarkatze unliebsame Bekanntschaft gemacht.

Fossil aus dem Netz niederländischer Fischer

Eigentlich wollte die Molekularbiologin Johanna Paijmans die Verwandtschaftsverhältnisse von Säbelzahnkatzen aus Eurasien, den Homotherium-Arten, mit Smilodon-Spezies vergleichen, die auf dem amerikanischen Kontinent mindestens noch bis vor etwa 11.000 Jahren lebten, wie Fossilienfunde belegen.

Bissig. Säbelzahnkatzen zerrissen ihre Beute in Stücke.
Bissig. Säbelzahnkatzen zerrissen ihre Beute in Stücke.Foto: Naturkundemuseum Rotterdam

Mit heutigen Raubkatzen sind Säbelzahnkatzen nur entfernt verwandt. Der letzte gemeinsame Vorfahr mit heutigen Katzenarten lebte vor etwa 20 Millionen Jahren. In dieser Zeit entwickelten sich auch die amerikanischen und eurasischen Säbelzahnkatzen auseinander. Beide haben längere Vorder- als Hinterbeine, sodass der Rücken nach hinten abfällt. Die eurasischen Arten waren aber schlanker und hatten einen lang gestreckten Schädel, einen kürzeren Schwanz und besonders lange Beine. Dafür waren die markanten Eckzähne bei der europäischen Scimitarkatze kürzer, stärker gekrümmt und mit feinen, messerscharfen Zacken versehen, mit denen die Beute zerrissen wurde.

Um mehr über die Unterschiede und Verwandtschaften dieser Säbelzahnkatzen zu lernen, untersuchte Paijmans auch ein Fossil, das Fischern etwa 80 Kilometer vor der Küste der Niederlande ins Netz geraten war – der Unterkiefer einer Scimitarkatze.

700.000 Jahre tiefgefroren

„Es ist ein wirklich einzigartiges Fossil“, sagt Paijmans, die am Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam in der Arbeitsgruppe von Michael Hofreiter arbeitet – Spezialisten für die Analyse uralter DNS-Spuren in Fossilien. „Wenn wir DNS analysieren, haben wir nicht nur einen Erbgutfaden, sondern Abermillionen von kleinen DNS-Schnipseln, deren Bausteinabfolge wir entziffern und dann am Computer so zusammenpuzzeln, dass wir eine übereinstimmende Sequenz erhalten“, sagt Paijmans.

Eine mühsame Arbeit, die oft genug nicht glückt. „DNS von Fossilien ist oft so stark abgebaut, zerstückelt und beschädigt, dass es uns nicht gelingt, daraus noch eine lesbare und verlässliche Sequenz ermitteln zu können.“ Die älteste entzifferte Erbgutsequenz eines Säugetiers stammt von einem 700.000 Jahre alten Pferd. Es war im sibirischen Permafrost tiefgefroren. „Es war die ganze Zeit über in einem natürlichen Eisschrank, was der DNS recht gutgetan hat.“

Fraglich, wie zahlreich Säbelzahnkatzen waren

Obwohl der Kieferknochen nicht tiefgefroren war, sondern lange Zeit im Nordseewasser lag, hatten die Forscher Glück. Es gelang ihnen das Erbgut aus den Mitochondrien, den energieliefernden Organellen der Katzenzellen, zu rekonstruieren. Damit bestätigten sie, dass der Knochen tatsächlich zu einem Homotherium latidens gehörte und das Alter der Fossilie tatsächlich nur 28.000 Jahre beträgt, wie es zuvor mit der Radiokarbonmethode bestimmt wurde. Dabei lässt die Menge bestimmter Kohlenstoffisotope, die nach dem Tod kontinuierlich abnimmt, Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu.

Ein durchaus überraschendes Ergebnis, denn damit muss nun die Vorstellung revidiert werden, dass Säbelzahnkatzen in Europa schon mehr als 200.000 Jahre früher ausstarben als bislang angenommen. Ob ein Kieferknochen allerdings Indiz genug dafür ist, dass Scimitarkatzen in großer Zahl Europa bevölkerten und sowohl Neandertalern als auch dem modernen Menschen die Beutetiere streitig machten, stellt auch Paijmans selbst infrage. „Das Szenario zu beschreiben, das zu dem Fossilienfund in der Nordsee geführt hat, ist sehr schwer“, sagt die Forscherin. „Es ist möglich, dass diese Tiere in all den Jahren dort lebten, aber mit einer so geringen Populationsdichte, dass man bisher kaum Fossilien gefunden hat.“

Es sei aber auch denkbar, dass Homotherium latidens tatsächlich vor etwa 300.000 Jahren aus Europa verschwand, es später aber eine Neubesiedlung aus Nordamerika gab. „Wir brauchen einfach mehr Informationen, um das erklären zu können.“ Paijmans ist zuversichtlich, dass es noch mehr Fossilien von Säbelzahnkatzen gibt, die Licht ins Dunkel bringen könnten. „Es ist möglich, dass es Fossilienfunde gibt, die bislang gar nicht als Überbleibsel von Säbelzahnkatzen erkannt wurden, weil man sie in diesem Zeitraum gar nicht erwartet.“ Auch könne man jetzt gezielter nach Homotherium-Fossilien suchen, wissend, dass sie in Erdschichten der Zeitspanne zwischen 28.000 und 300.000 Jahren vorkommen müssen.

Schon jetzt verändert Paijmans’ Fund allerdings die Vorstellung, die sich Anthropologen vom Einzug des Homo sapiens nach Europa machen. In dem Bild muss nun auch der Säbelzahntiger seinen Platz finden, sein Einfluss auf das Verhalten und vielleicht auch auf die Psyche, die Urängste des Menschen.

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