Wissen : „Sterben zulassen“

Palliativmediziner Klaschik fordert mehr Klarheit

Herr Klaschik, das Parlament soll bald über drei Gesetzesentwürfe zur Patientenverfügung entscheiden. Das verspricht mehr Rechtssicherheit für Ärzte, Juristen – und für diejenigen, die ein solches Schriftstück aufgesetzt haben. In einer Stellungnahme haben Sie, zusammen mit drei Kollegen, dem „Deutschen Ärzteblatt“ jetzt jedoch mitgeteilt, dass die Zeit für ein solches Gesetz noch nicht gekommen sei. Warum ist es aus Ihrer Sicht zu früh dafür?

Die Entwürfe liegen inhaltlich so weit auseinander, dass es keine Ruhe, sondern eher einen Aufschrei geben dürfte, wenn einer von ihnen sich durchsetzt. Als Ärzte, die täglich mit Patienten arbeiten, halten wir in dieser Frage aber einen gesellschaftlichen Konsens für wichtig. Dazu kommt: Durch gesetzliche Regelungen würde eine Sicherheit vorgegaukelt, die es noch gar nicht gibt. Wir wissen zum Beispiel noch zu wenig darüber, ob die Wünsche der Betroffenen sich wirklich in den schriftlichen Verfügungen wiederfinden. Studien aus den USA zeigen: Da gibt es durchaus ambivalente Gefühle, zwischen der Angst vor Überbehandlung und dem Wunsch nach Behandlung. Entsprechende Erkenntnisse aus Deutschland fehlen bisher.

Welche Studien haben Ihre Kollegen und Sie derzeit in Arbeit?

Ärzte, Psychologen und Seelsorger gehen derzeit drei Fragestellungen nach: In Köln läuft die Entwicklung eines Fragebogens, mit dem Ziel, daraus einen gesteigerten Todeswunsch erkennen zu können. An der Klinik für Palliativmedizin des Uniklinikums Aachen gehen die Kollegen der Frage nach, was dahinter steckt, wenn sterbenskranke Patienten sich aktive Sterbehilfe wünschen, und wie Schmerztherapie und psychosoziale Begleitung sich darauf auswirken. Wir in Bonn haben im Juli mit einer Studie begonnen, für die sowohl Patienten aus der Palliativmedizin als auch chronisch kranke Menschen und Gesunde befragt werden. Wir möchten wissen: Was wollen die Unterzeichner der Patientenverfügungen ausdrücken, und wie interpretieren Ärzte das Verfügte?

Um mehr Klarheit zu schaffen, schlagen Sie auch vor, neue Begriffe zu verwenden. Belastete und missverständliche Bezeichnungen wie aktive, indirekte oder passive Sterbehilfe sollten gar nicht mehr verwendet werden.

„Passive Sterbehilfe“ meint ja eigentlich das Nichteinleiten oder Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen bei Sterbenden. Wir finden, das wird präziser und verständlicher durch die Formulierung „Sterben lassen“ oder „Sterben zulassen“ ausgedrückt: Der Arzt hat erkannt, dass das Leben nicht mehr zu retten ist, er ändert sein Therapieziel. Eine der Befürchtungen in der Bevölkerung ist ja heute, dass in der Intensivmedizin dieser Punkt oft überschritten wird. Ein Begriff wie „Sterben zulassen“ könnte nicht zuletzt die Ärzte dafür sensibilisieren, wo sie in der Behandlung des Patienten stehen.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

Eberhard Klaschik (64) ist Deutschlands erster Professor für Palliativmedizin an der Universität Bonn und Leiter des Zentrums für Palliativmedizin am Malteser-Krankenhaus Bonn-Hardtberg.

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