Stereotype behindern Forschung : Vorsicht: Vorurteil!

Menschen können die Persönlichkeit Fremder schnell erfassen. In der Forschung ist das eher von Nachteil.

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Beobachter schreiben Javaneraffen Eigenschaften zu, die mehr über ihre Vorurteile als über die Tiere aussagen.
Beobachter schreiben Javaneraffen Eigenschaften zu, die mehr über ihre Vorurteile als über die Tiere aussagen.Foto: IMAGO

Man kann es positiv sehen: Menschen sind in der Lage, sich von der Persönlichkeit anderer in kürzester Zeit ein Bild zu machen. Dabei helfen ihnen Stereotype: Jemand, der sich ruhig verhält, wird eher als freundlich denn als aggressiv eingeschätzt. Auch wenn der erste Eindruck manchmal täuscht: Das „Schnellschluss-Programm“ gibt Sicherheit, auf ihm basieren viele friedliche Beziehungen. Diese menschliche Fähigkeit ist unter Säugetieren vermutlich einzigartig. In der Forschung sind solche Stereotype allerdings eher hinderlich. Gerade in den Verhaltenswissenschaften, etwa der Psychologie oder der Tierforschung, können Stereotype eine Beobachtung stark verzerren. Das ist die These von Jana Uher, Psychologin an der Freien Universität. In ihrer jüngsten Studie, die im „Journal of Research on Personality“ erschienen ist, weist Uher nach, wie stark Stereotype in die wissenschaftliche Beurteilung von Individuen einfließen, und kritisiert damit gängige Methoden ihrer Disziplin.

Menschliche Verhaltensmuster auf Versuchstiere übertragen

Drei Jahre lang hat Uher „artübergreifend“ geforscht: 99 Menschen beobachteten jeweils fünf Tage lang fünf Javaneraffen, protokollierten deren Verhalten und bewerteten anschließend die „Persönlichkeit“ der einzelnen Tiere auf Fragebögen. Acht der Studienteilnehmer waren gestandene Affenforscher, die „ihre“ Affen teils seit Jahren kannten. Die übrigen Beobachter, Studierende der Verhaltensbiologie der Universität Utrecht, hatten erst kurz zuvor eine Einweisung in die Beobachtungsmethodik erhalten, und auch die Affenart war ihnen fremd. Dennoch ähnelten sich ihre Urteile: Fast alle fanden zum Beispiel jüngere Tiere neugieriger als ältere und weibliche reinlicher als männliche.

Am Verhalten der Affen ließ sich das so nicht festmachen, wie der spätere Vergleich mit den Protokollen zeigte. Vielmehr war das Urteil von menschlichen Stereotypen geprägt, die Frauen etwa als reinlicher einstufen als Männer. Ebenso wenig stimmte der Eindruck von den draufgängerischen Jungtieren. Tatsächlich waren sie ängstlicher als ältere Affen. Nur bei Dominanz und Verspieltheit lagen die Beurteiler richtig.

Besonders in der Tierforschung wird oft beanstandet, dass allzu menschliche Kategorien zugrunde gelegt werden. Doch dass Ergebnisse derart von Stereotypen durchdrungen sein können, überraschte sogar Jana Uher. „Eigentlich wollte ich zeigen, dass fünf Tage nicht ausreichen, um die Persönlichkeit fremder Individuen einzuschätzen“, sagt sie. „Ich war wirklich baff, wie schnell wir Menschen uns einen Eindruck verschaffen.“ Ohne die Daten aus sechs Erhebungen hätte sie Zweifel an ihren eigenen Ergebnissen gehabt. Schon länger hinterfragt Uher bestehende Methoden in der Psychologie – allen voran den Einsatz von Fragebögen bei der Persönlichkeitsforschung. „Fragebögen sagen oft mehr über den Beurteiler aus als über das beurteilte Individuum“, sagt sie. Denn solche Urteile beruhten auf Alltagssprache, die mit Stereotypen durchsetzt sei. Stereotype beschreibt Uher als „soziokulturelle Vorstellungen“, in denen Beobachtungen gleichzeitig vereinfacht und übertrieben werden. Im Alltag geben solche mentalen Kategorien erste Orientierung, die Eindrücke sind aber fehleranfällig.

Verhaltensprotokolle statt Pauschalurteile

Uhers neuer Ansatz ermöglicht dagegen, zwischen dem Verhalten von Individuen und dem, was Beurteilende darüber denken, zu unterscheiden. Dafür wird genau beschrieben, welcher Affe wann was tut. Anstatt vom „starken Männchen“ zu sprechen, notieren Forscher zum Beispiel, mit wem der Affe wie interagiert. Anhand solcher Protokolle kann Uher zeigen, wie sehr pauschale Bewertungen, die in Fragebögen abgegeben werden, vom beobachteten Verhalten abweichen. Dabei zeigt sich, dass sich beispielsweise in Hinblick auf die Hygiene weibliche und männliche Javaneraffen nicht unterscheiden. Zwar werden den Tieren auch in den Protokollen bestimmte Attribute zugeschrieben, so ist es Interpretationssache, ob ein Tier spielt oder aggressiv ist. Doch für Uher überwiegen die Vorteile der Verhaltensprotokolle. Im Zweifel brauche es eben genauere Methoden der Beschreibung, sagt sie.


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