Streit um Kompetenzorientierung in der Schule : Kompetenzen versus Wissen?

Nach dem Pisa-Schock wurden Reformen angestoßen, die die Schülerleistungen verbessern sollten. Über die neue Kompetenzorientierung, Standards beim Abitur und Wissensvermittlung stritten jetzt in Berlin die Bildungsforscher Olaf Köller und Hans Peter Klein.

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Eine Schülerin arbeitet im Chemie-Labor mit Reagenzgläsern und Flüssigkeiten.
Neues Lernen. Hans Peter Klein klagt, die Kompetenzorientierung habe das Fachwissen verdrängt. Olaf Köller sagt, das Schüler...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In seiner Marburger Rede im Juni 1934 prangerte Vizekanzler Franz von Papen das Terrorregime der Nationalsozialisten unter Hitler an und kritisierte die Verfolgung „hilfloser Volksteile“. Für nordrhein-westfälische Abiturienten im Leistungskurs Geschichte sollte es im vergangenen Jahr eine anspruchsvolle Aufgabe sein, die berühmte Rede zu analysieren. Doch in den Augen des Frankfurter Didaktikers Hans Peter Klein ist sie ein Paradebeispiel für den Niedergang des deutschen Abiturs in Zeiten der Kompetenzorientiertung.

Die Prüflinge mussten die Rede in Beziehung „zur gegenwärtigen Situation“ setzen. Die meisten bezogen sie auf die frühe NS-Zeit – und entsprachen damit der Erwartung ihrer Lehrer. Wer es aber wörtlich nahm und die Lage von 1934 mit der gegenwärtigen Situation in Deutschland 2013 verglich „und das gut umgesetzt habe“, könne ebenfalls eine gute Note erhalten, erklärte eine Sprecherin des Bildungsministeriums. Es komme schließlich „auf die kompetenzorientierte Lösung an“, wie damals die „Kölnische Rundschau“ zitierte.

Klein: Neuntklässler konnten Abituraufgabe in Biologie lösen

Die Kompetenzorientierung, die seit zehn Jahren über die von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Bildungsstandards in die Schulen kommt, habe die fachlichen Inhalte in den Hintergrund gedrängt, klagt Klein. Mit seinen Beispielen hat er am Montag zum Auftakt der Sommer-Uni der Cornelsen-Stiftung an der Freien Universität zunächst die Lacher der eingeladenen Lehrkräfte auf seiner Seite. So ließ Klein Neuntklässler für eine Studie Biologie-Abituraufgaben lösen. Weil viele Antworten der ausführlichen Aufgabenstellung zu entnehmen waren, erreichte die Mehrheit der Klasse zumindest ein Ausreichend. Nicht Fachwissen, sondern Lesekompetenz sei also gefragt, folgert Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Uni Frankfurt am Main. Damit werde Schülern vorgegaukelt, sie seien gute Naturwissenschaftler – im Studium würden dann viele scheitern.

Köller: Es geht darum, Wissen in Kontexten anzuwenden

Für den empirischen Bildungsforscher Olaf Köller sind Kleins Beispiele indes „Blüten“, die es eben treibe, wenn mehr und mehr Jugendliche zum Abitur geführt werden. In einigen Ländern, darunter in NRW, Hamburg und Berlin, seien die Aufgaben tatsächlich leichter geworden – auch als Folge des Zentralabiturs und der Einführung des G 8. Mit der Kompetenzorientierung habe das aber nichts zu tun, betonte Köller im Streitgespräch mit Klein mehrfach. Kompetenzorientierung heiße vielmehr, Wissen in Kontexten klug anzuwenden. Sei etwa der Englischunterricht traditionell auf das Lesen und Schreiben anspruchsvoller Texte ausgerichtet gewesen, werde heute mehr Wert auf kommunikative Kompetenzen gelegt.

Köller, Direktor des Kieler Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, ist einer der Väter der Bildungsstandards. Am Berliner Institut für die Qualitätsentwicklung im Bildungswesen definierte er Kernkompetenzen, die Schüler bis zum Ende der Grundschule und bis zum mittleren Schulabschluss erreicht haben sollen. Daraus wurden die Bildungsstandards entwickelt, die mittlerweile Grundlage bundesweiter Vergleichsarbeiten- und Studien sind.

Ein Unterricht, in dem Schüler "anfangen zu denken"

Lehrkräfte ließen sich heute idealerweise davon leiten, wie sie ihren Unterricht so gestalten könnten, „dass die Schüler anfangen zu denken“, sagt Köller. Hinter diese kognitive Aktivierung trete die alte Frage „Was haben wir durchgenommen?“ zurück. Ein Gradmesser für den Erfolg oder Misserfolg der Kompetenzorientierung in der Schule könnten die Pisa-Studien sein. Aus der internationalen Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammt das Konzept. Die Leistungen der deutschen 15-Jährigen hat sich seit der ersten Studie aus dem Jahr 2000 vor allem im Lesen und in den Naturwissenschaften kontinuierlich verbessert. Aber auch in Mathematik schrumpfte die Risikogruppe der Schüler, die Aufgaben lediglich auf Kompetenzstufe 1 oder darunter lösen können, von 24,6 Prozent im Jahr 2000 auf 17,7 Prozent bei Pisa 2012.

Wenig mehr, als schlecht formulierte Abiaufgaben zu zerpflücken

Dass Deutschland nach dem Pisa-Schock aufgeholt habe, sei den alltagsnahen Aufgaben des Sinus-Programms in Mathematik und den Naturwissenschaften, der breiten Leseförderung und der besonderen Förderung schwacher Schüler zu verdanken, sagt Köller. Welche Rolle die Kompetenzorientierung gespielt haben könnte, sei schwer messbar. Neue Lehrmaterialien, die in den vergangenen Jahren von den Schulbuchverlagen entwickelt wurden, würden aber viele Impulse für eine stärker kognitive Aktivierung der Schüler geben. Doch bis sie flächendeckend in den Schulen ankommen, könnten zehn bis 15 Jahre vergehen.

Hans Peter Klein hatte dem wenig mehr entgegenzusetzen als das Zerpflücken unglücklich formulierter Abituraufgaben. Ansonsten setzt er darauf, dass sich Lehrkräfte gemeinhin gegen Reformen sperrten – „und weiter anspruchsvollen Fachunterricht geben“.

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