Wissen : Streit um Unimedizin

Kiel wehrt sich gegen Kritik des Wissenschaftsrats

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Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) mit seinen beiden Standorten Kiel und Lübeck fühlt sich als Spielball unterschiedlichster Interessen. Während sich die CDU/FDP-Landesregierung nach einer „Markterkundung“ mit Privatisierungsgedanken trägt, kritisiert der Wissenschaftsrat die gesamte Konstruktion des Uniklinikums. Das geht aus einer Beschlussvorlage für ein Gutachten zur Unimedizin in Schleswig-Holstein hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt.

1999 hatte sich das Gremium noch für eine Fusion der Uniklinika in Kiel und Lübeck ausgesprochen. Jetzt heißt es in dem Gutachten, dass „keine wesentlichen Verbesserungen der wissenschaftlichen, klinischen und wirtschaftlichen Leistungen der Universitätsmedizin“ durch die 2003 erfolgte Fusion der Standorte in Kiel und Lübeck erkennbar seien. Einsparungen hätten auch durch eine enge Kooperation erreicht werden können. Kritisiert wird der gemeinsame Medizinausschuss, der für die Verteilung der Landesmittel zuständig ist. Er behindere „die optimale Entfaltung des wissenschaftlichen und klinischen Potenzials der beiden Standorte“.

Der UKSH-Vorstand wehrt sich entschieden dagegen, wieder getrennt zu werden. Dem Land würde dann ein Verlust von 20 Millionen Euro drohen. In einem Brief an alle 10 500 Mitarbeiter greift der Vorstand den Wissenschaftsrat scharf an und spricht ihm wirtschaftliche Kompetenz ab. Die UKSH-Spitze erhebt zudem den Vorwurf, das Gutachtergremium sei voreingenommen, auch weil der Vorsitzende der Kommission, Hans-Jochen Heinze, die Fusion seines eigenen Hauses, des Uni-Klinikums Magdeburg, mit dem Klinikum Halle „vehement bekämpft“. Der Wissenschaftsrat wollte sich auf Anfrage vor dem Abschluss seiner Beratungen über das Gutachten am 8. Juli nicht äußern.

Lübecks Uni-Präsident Peter Dominiak stützt die Gutachtermeinung gegen das Votum des Vorstands. Er verspricht sich von einer eigenständigen Klinik eine bessere Zusammenarbeit und mehr Freiheiten. Noch vor einem Jahr wollte die Landesregierung aus Kostengründen den Medizinstandort in Lübeck abwickeln. Der Bund verhinderte dies mit einem Dreiecksgeschäft, bei dem er das Meeresforschungsinstitut Geomar in Kiel in die Helmholtzgemeinschaft und damit weitgehend in eine Bundesfinanzierung übernahm.

Unterdessen liegen der Landesregierung Angebote unter anderem vom Universitätsklinikum Eppendorf vor, die allein auf die Privatisierung der Lübecker Klinik abzielen. Aufgrund bestehender Tarifverträge kann beim UKSH bis 2015 keine vollständige Privatisierung erfolgen. Eine Teilprivatisierung etwa der Gebäudesubstanz wäre allerdings denkbar. Solch ein Modell findet auch die Zustimmung des UKSH-Vorstands. Nach Sanierung und Neubau von Immobilien würde man sich wieder einmieten. Die Rede ist von einem Sanierungsbedarf an beiden Standorten von über 700 Millionen Euro.

Die Landesregierung in Kiel will sich Mitte Juli zur Zukunft des UKSH äußern, die am Freitag auch Gegenstand einer Landtagsdebatte sein wird. Im März hatten alle 39 Institutsdirektoren der Klinik in einem Appell vor einem „Kaputtsparen“ des UKSH zulasten von Forschung und Patienten gewarnt. Dieter Hanisch

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