• Studenten und Hochschulen von heute: Uni-Dozenten müssen vor allem Animateure und Erzieher sein

Studenten und Hochschulen von heute : Uni-Dozenten müssen vor allem Animateure und Erzieher sein

Die Jungen von heute wollen alles richtig machen. Sie lehnen Vorgaben an der Uni nicht ab – sie fordern sie ein. Über das Leben einer Dozentin als Animateurin, Erzieherin und Motivationstrainerin. Ein Essay.

Christiane Florin
Warten auf die Erhöhung. Das letzte Mal stiegen die Bafög-Sätze im Jahr 2010. Foto: dpa
Warten auf die Erhöhung. Das letzte Mal stiegen die Bafög-Sätze im Jahr 2010.Foto: dpa

Einen Namen machen sich Professoren der Politikwissenschaft heute weniger durch bahnbrechende Bücher als durch ihre Fernsehauftritte. Das 90-Sekunden- Statement im Einspieler einer Talkshow zum Koalitionsvertrag bringt mehr Ruhm ein als das Standardwerk zum Regierungssystem der Bundesrepublik. „Sie plädieren doch fürs Diskutieren und Denken. Warum melden sich Politikwissenschaftler nur zu Wort, wenn es um Affären, Skandale und die schnelle Kommentierung von Wahlergebnissen geht?“, fragte mich ein Student in einer Mail. Weil auch Geisteswissenschaftler erkannt haben, dass sich von den Skandalen der anderen besser leben lässt als von der eigenen Originalität.

Zu meiner Studienzeit galt verständliches Formulieren noch als unanständig, mittlerweile gewichten Hochschullehrer ihre Artikel und Interviews in Massenmedien höher als ihre Beiträge in Fachzeitschriften. Die Mediokratie, wie Thomas Meyer die „Kolonisierung“ der „res publica“ durch die Medien nennt, hat nicht nur die praktische Politik erreicht, sondern auch die Wissenschaft. Wer an der Uni lehrt, hat einsehen müssen, dass eine hermetische Sprache noch kein Indiz für exzellente geistige Arbeit ist. Wenn der Hörsaal zum Showroom wird, reden Professoren verständlicher, sie wählen weniger abseitige Themen und bemühen sich um ihr Publikum. Diesen positiven Show-Effekt möchte ich nicht missen.

„Ich bin doch keine Animateurin“, empörte sich in einem Selbsterfahrungsbericht für das SZ-Magazin eine junge Dozentin. Ehrlich gesagt: Ich bin oft genug genau das. Ich präsentiere animierte Filmchen zu medienethischen Fragen und bereite jedes Semester wieder eine Slideshow zum Thema Agenda-Setting vor. Erst bitte ich die Studenten, aus einem Interview oder einer Umfrage eine Meldung zu formulieren, dann vergleichen wir die Ergebnisse mit der professionellen Meldung. Schließlich schauen wir uns an, ob und mit welchen inhaltlichen Verschiebungen Agenturen und andere Medien die Meldung übernommen haben. Dieser Teil des Seminars kommt in der Feedback-Runde immer am besten weg, deutlich besser als Gate-Keeper-Theorien und langfristige Themenkarrierebeobachtungen.

Show statt Lehre

Eine Doppelstunde muss geplant werden wie eine 90-minütige Show. Viele der heute 20-Jährigen haben als Kinder der 90er ein ausgefeiltes Langeweilevermeidungsprogramm von Ausdruckstanz- bis Zauberunterricht durchlaufen. Sie verweilen höchstens zwei Minuten auf einer Internetseite, meistens klicken sie deutlich früher weiter. Ein Moment nachdenklicher Stille im Seminarraum wirkt auf sie wie eine Ton- und Bildstörung. „Dozent ist schlecht vorbereitet“, steht dann in den Evaluationsbögen. Das ist die Kehrseite des Show-Effekts. (...)

An sich Selbstverständliches muss verständlich gemacht, also eingefordert werden. Wenn ich nicht ausdrücklich in drei Rundmails mit Öffnungsbestätigung festhalte, dass Anwesenheit für die Anrechnung von Credit Points notwendig ist, gilt sogar Präsenz als optional. Nicht einmal vor der Frage „Müssen wir bei Referaten da sein oder reicht das Skript?“ schrecken einige zurück. Die zeitweise ausgemusterte Anwesenheitsliste kursiert deshalb wieder. Sie ist klarer als jede Ansage.

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