Studentenproteste für Witten-Herdecke : Privatuniversität vor der Pleite

Nordrhein-Westfalen hat der Universität Witten-Herdecke den Zuschuss gestrichen. Die Hochschule wehrt sich gegen den Vorwurf, keinen ordnungsgemäßen Wirtschaftsplan vorgelegt zu haben. Der Präsident der Uni trat am Donnerstag zurück.

Amory Burchard
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Eine Uni geht baden. Den Protestsprung in den Rhein stoppte die Polizei allerdings. Foto: dpa

In Badehosen und Bikinis demonstrierten Studenten der Universität Witten-Herdecke (UWH) am Donnerstag für ihre Hochschule. Vor dem nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf wollten sie in den nahegelegenen Rhein springen. Die Aktion wurde allerdings von der Polizei verhindert. Wie berichtet, steht Deutschlands älteste Privatuniversität vor dem Aus. Das Land hatte am Mittwoch verkündet, der Hochschule die 4,5-Millionen-Förderung für 2008 zu streichen. Gestern Nachmittag trat der Präsident der Hochschule, Birger Priddat, zurück. Er wolle „die Voraussetzungen für einen Neuanfang in der Beziehung zum Land Nordrhein-Westfalen schaffen“, erklärte Priddat.

Aus der Sicht des Wissenschaftsministeriums kann die Uni keine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachweisen. Die Hochschulleitung weist die Vorwürfe zurück. Die Streichung des Landeszuschusses komme „völlig überraschend“, sagte Sprecher Ralf Hermersdorfer. Bis vor wenigen Tagen sei der Uni aus der Landesregierung Unterstützung signalisiert worden. Auch für die Studierenden ist die Mittelstreichung „unverständlich und mehr als unangemessen“, erklärte die Studierendengesellschaft. Erst vor einer Woche hätten die Mitglieder beschlossen, bis zu 60 Prozent mehr Studiengebühren zu zahlen, um ihre Uni zu retten. Ein Studium an der UWH kostet bis zu 45 000 Euro.

NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat einer Studentendelegation zugesichert, dass die Studierenden im Falle einer Schließung der Uni an andere Hochschulen in NRW wechseln könnten. Er sei nicht gewillt, die Insolvenzgefahr abzuwenden, hieß es. Das Land wirft der Privathochschule auch vor, weder für 2009 noch für die nächsten beiden Jahre einen testierten Wirtschaftsplan vorgelegt zu haben. Deshalb würde die im Haushalt 2008 vorgesehene Förderung von 4,5 Millionen Euro einbehalten, teilte das Wissenschaftsministerium mit. Außerdem fordere das Land rund drei Millionen Euro Fördergeld für 2007 zurück, weil die Hochschule in dem Jahr mehr eingenommen habe als angegeben.

Dagegen heißt es aus der Universität, die Geschäftsleitung habe einen durch einen Wirtschaftsprüfer bestätigten Wirtschaftsplan für die Jahre 2009 bis 2011 vorgelegt, der einen ausgeglichenen Haushalt erwarten ließe. Gleichwohl enthalte der Plan auch Risiken. Die Botschaft an das Ministerium sei immer gewesen: „Die Finanzmarktkrise macht auch vor der UWH und ihren Spendern nicht halt.“ Die Liquidität für die ersten Monate des Jahres 2009 sei jedoch durch eine Drei-Millionen-Euro-Bürgschaft sichergestellt, erklärte Hermersdorfer.

Gleichzeitig werde nach neuen Geldgebern gesucht. „Wir telefonieren den ganzen Tag mit möglichen Sponsoren“, sagte Hermersdorfer gestern. „Wenn wir das Geld bis zum Jahresende nicht haben, ist es aus.“ Die Entscheidung des Landes gefährde mehr als 1200 Studienplätze und 600 Mitarbeiterstellen.

Der drohende finanzielle Kollaps ist der Tiefpunkt der bald nach der Gründung 1983 einsetzenden finanziellen Probleme der Privatuniversität. 1995 war das Land Nordrhein-Westfalen eingesprungen, um die Uni mit massiven Subventionen zu retten. 2007 war die Hochschule in eine Stiftung umgewandelt worden, um einen akut drohenden Konkurs abzuwenden. Ihren neuen Hauptsponsor, die Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege, hatte sie allerdings im August dieses Jahres verloren – und büßte damit mittelfristig zugesagte Zahlungen von zwölf Millionen Euro ein.

Dramatisch war auch die Kritik des Wissenschaftsrats an der Medizinerausbildung: 2005 hatte das Gremium dem UWH-Reformstudiengang die Akkreditierung verweigert, weil darin zu wenige Professoren unterrichteten und Forschung kaum stattfand. Nachdem die Humanmedizin völlig neu konzipiert wurde – was mit hohen Kosten verbunden war –, erhielt sie die Akkreditierung und konnte wieder Medizinstudenten aufnehmen.

Die Lücke im UWH-Etat soll nach früheren Angaben über zwei Jahre verteilt 7,5 Millionen Euro betragen. Hinzu kommen jetzt die entgangenen 4,5 Millionen Euro vom Land für das zu Ende gehende Jahr und die Drei-Millionen-Rückzahlung für 2007. Im vergangenen Jahr hatte die Universität ein Budget von insgesamt 36 Millionen Euro. (mit dpa)

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