Studentenrevolte in West-Berlin : Die Revanche der Professoren

Studentenrevolte: West-Berliner Hochschullehrer wehrten sich in den 70ern in der berüchtigten "Notgemeinschaft für eine freie Universität". Bis heute hat das Folgen.

Nikolai Wehrs
TU-Professor Folkmar Koenigs verteilt farbverschmiert 1973 Flugblätter der "Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU)". Kurz vorher war er von Studenten mit Farbe angegriffen worden.
Auf der Straße. TU-Professor Folkmar Koenigs verteilt 1973 Flugblätter der "Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU)"....Foto: picture-alliance/Konrad Giehr

Als die Wandzeitung des Kommunistischen Studentenverbands am Vormittag des 16. Juli 1973 noch immer in der Mensa hing, beschloss Folkmar Koenigs selbst zur Tat zu schreiten. Seit Tagen hatte der Professor für Handels- und Wirtschaftsrecht beim Studentenwerk der TU darauf gedrängt, den Aushang zu entfernen, in dem zur Vertreibung der „NofU-Denunzianten“ aus der Universität aufgerufen wurde. Nun griff Koenigs zur Schere, lief hinüber zur Mensa und schnitt aus dem Plakat fein säuberlich die Worte „NofU-Denunzianten“ aus.
Koenigs war gerade auf dem Rückweg in sein Büro, als die Studenten mitten auf dem Campus zurückschlugen. Dem Professor wurde von hinten ein Eimer mit gelber Ölfarbe über den Kopf gestülpt. Kaum eine Stunde später stand Koenigs nur notdürftig gesäubert an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße vor dem Café Kranzler und verteilte Flugblätter der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“. In seinen Haaren prangte noch das Gelb. Ein Fotograf der dpa hielt die Szenerie in einem Bild fest, das buchstäblich um die Welt gehen sollte: Es erschien bald darauf im Time Magazine zu einem Artikel mit der Überschrift „The Painted Professor“.


Die Studentenbewegung von 1968 ist noch immer ein höchst lebendiger Erinnerungsort im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik. Wenig bekannt ist dagegen heute, dass es damals auch eine starke Gegenbewegung gab. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ (BFW) war in den 70er Jahren das Sammelbecken jener Professoren, die sich von den revoltierenden Studenten nicht auf der Nase herumtanzen lassen wollten. Sein lokaler Ableger in West-Berlin war die „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ (NofU). In akademischen Kreisen haftet ihr bis heute ein geradezu legendär schlechter Ruf an. Vor allem für die Freie Universität (FU) stellt sie einen profunden Negativmythos der Universitätsgeschichte dar. Erzreaktionär sei sie gewesen, heißt es, und rücksichtslos in der Diffamierung ihrer Gegner. BFW und NofU selbst sahen sich dagegen als Selbstverteidigungsbündnisse und plädierten auf Notwehr.

Der Ordinarius war das Feindbild schlechthin

Es wird in der Rückschau über die bekannten Bilder von Vietnamkongress und Kommune I oft vergessen, dass die Studentenbewegung zuallererst eine Hochschulrevolte war. Hochschullehrer waren die ersten Leidtragenden. Der „Ordinarius“ mit dem tausendjährigen Muff unter dem Talar war für die Studenten das Sinnbild schlechthin eines vermeintlich reaktionären Hochschulsystems. In Vorlesungen und Seminaren attackierten sie ihn mit Zwischenrufen und Sprechchören, nicht selten auch mit Eiern und Farbbeuteln.
Auch wenn zahlenmäßig nur wenige Studenten so radikal agierten, bestimmten sie um 1970 doch vielerorts das Klima. Die Verunsicherung auf Seiten der Lehrenden war groß. An der FU Berlin mit ihrer tendenziell linkeren Professorenschaft wurde die Paradoxie besonders deutlich. Ältere Professoren wie Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, die in der NS-Diktatur Opfer politischer und rassischer Verfolgung gewesen waren, fühlten sich an die Angriffe der Nazi-Studentenbünde auf jüdische Dozenten in den frühen 30er Jahren erinnert. Jüngere Professoren wie Thomas Nipperdey, die sich selbst zur liberalen Reformavantgarde zählten, waren empört, dass die Studenten sie selbst als „Nazis“ angriffen („NiPerDey ist ein Faschistenschwanz“).

Das West-Berliner Hochschulgesetz schuf die Drittelparität in den Gremien

Zu diesem emotionalen Motiv kam freilich ein eminent politisches hinzu. In der Absicht, die Studentenbewegung einzuhegen, kamen nach 1968 viele Bundesländer ihrer wichtigsten hochschulpolitischen Forderung entgegen: der Ausweitung der studentischen Mitbestimmung in der akademischen Selbstverwaltung. Unter dem Stichwort „Demokratisierung“ schuf das West-Berliner Hochschulgesetz von 1969 annähernd eine Drittelparität von Studenten, Assistenten und Hochschullehrern in den Kollegialorganen. Die Studenten erlangten so erstmals relevanten Einfluss auf die Verteilung von Forschungsgeldern, auf Berufungsverfahren, auf Promotionen und selbst auf ihre eigenen Prüfungsordnungen. Gerade der radikalere Teil der studentischen Linken nahm das als Freibrief.

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