Studentenzeitung vorm Aus : Unaufgefordert unter Druck

„Unaufgefordert“ erscheint an der Humboldt-Uni und ist eine der ältesten und renommiertesten Studentenzeitungen in Deutschland. Jetzt droht ihr das Aus.

Laura Wieland

Der „Unaufgefordert“, einer der ältesten und renommiertesten Studentenzeitungen in Deutschland, droht das Aus. Bereits zweimal wurde die Zeitschrift der Humboldt-Universität als beste deutschsprachige Studentenzeitschrift ausgezeichnet. Besonders gelobt wurde sie für ihr innovatives Konzept – und ihre unabhängige Berichterstattung. Die musste sie sich stets hart erkämpfen. Denn das Verhältnis zu ihrem Herausgeber, dem Studierendenparlament (Stupa) der HU, ist seit jeher problematisch. Die seit dem 17. November 1989 erscheinende „Unaufgefordert“ passt nicht in die traditionell linke Linie des Stupa.

Nun hat die Debatte über Aufgabe und Funktion des Blattes einen neuen Höhepunkt erreicht: Kürzlich beschloss das Stupa, die „Unaufgefordert“ künftig nicht mehr mitzufinanzieren – und das auf den Tag genau 19 Jahre nach deren ersten Erscheinen. Dabei war es bislang eine Selbstverständlichkeit, den Zeitungsetat von jährlich 12 000 Euro zu genehmigen.

„Es hat immer wieder Meinungsverschiedenheiten gegeben“, sagt Marcel Hoyer von der Redaktionsleitung. „Aber dass es so weit kommt – damit haben wir nicht gerechnet.“ Der 22-jährige Publizistik-Student hofft, dass das Stupa das erfolgreiche Blatt mit seiner langen Tradition nicht so leichtfertig gefährdet. Mit Werbung allein sei das Projekt nicht zu stemmen.

„Auch wenn das nach journalistischem Pathos klingt: Wir wollen eine kritische Öffentlichkeit schaffen“, sagt Hoyer, wobei er zugibt, dass die Redaktion in einer gewissen Abhängigkeit zu ihrem Herausgeber steht. So sicherte sich der zum Stupa gehörende „ReferentInnenrat“ vor einigen Jahren vier Seiten in der Zeitschrift, die von der Redaktion als Gastbeiträge gekennzeichnet werden. Hoyer wehrt sich jedoch gegen jegliche Form von politisch motivierten Vorgaben: „Die ,Unaufgefordert’ ist kein Organ des Stupa, sondern eine studentische Initiative.“ Studierende, die sich an der Uni engagieren, sollten sich nicht gegenseitig Stöcke zwischen die Beine werfen.

Der aktuelle Streit entzündet sich an einem Artikel über sexuelle Belästigung an der HU, den das Stupa als unausgewogen kritisierte. Der Hintergrund: Zwei Tage vor Redaktionsschluss zog die betroffene Studentin – wegen des laufenden Verfahrens – ihre Aussage zurück. Stattdessen wurde nur ein kurzes Statement von ihr abgedruckt. Daneben erschien der vergleichsweise lange Offene Brief des beschuldigten Professors. Das Stupa fand, dem Professor werde zu viel Platz eingeräumt. Es folgten zahlreiche Gespräche sowie ein Schlichtungsverfahren, im Zuge dessen die Redaktion ihre Oktober-Ausgabe zurücknahm und das Thema im Folge-Heft durch ein Interview mit der Frauenbeauftragten aufgriff.

Ein weiterer Streitpunkt ist das „Binnen-I“: Bislang weigert sich die Redaktion, Wörter wie „StudentInnen“ zu schreiben. Über Genderfragen zu berichten, sei eine Sache, das gesamte Heft zu „gendern“, ein andere, sagt Hoyer. In der aktuellen Ausgabe der „Unaufgefordert“ heißt es stattdessen durchgängig „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“. Unklar ist, ob das Studentenparlament dies bei seiner Sitzung am 17. Dezember wohlwollend berücksichtigen wird. Die „Unaufgefordert“ wird dort einen zweiten Antrag auf Förderung stellen. Gegenüber dem Tagesspiegel wollte sich das Stupa nicht zu dem Streit äußern. Laura Wieland

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