Studie : Jugend ohne Buch

Die Deutschen lesen immer weniger - und es zeichnet sich ein neuer Trend ab: Lese-Zapping, das Überfliegen von Texten.

Laura Wieland
Lesen
Nach wie vor lesen viele Deutsche gerne. -Foto: dpa

Jeder vierte Bundesbürger nimmt nie ein Buch zur Hand. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Lesen in Deutschland 2008“, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Es ist die umfangreichste Untersuchung des Leseverhaltens hierzulande seit acht Jahren. Dafür befragte die Stiftung Lesen, gefördert vom Bundesbildungsministerium (BMBF), mehr als 2 500 Jugendliche und Erwachsene.

Spätestens seit der Pisa-Studie im Jahr 2 000 steht die „Lesekultur“ im Fokus des öffentlichen Interesses – häufig auch im Zusammenhang mit der Migrationsdebatte. Die Stiftung Lesen verkündet nun ein überraschendes Ergebnis: Mit rund 36 Prozent greifen die Bürger mit Migrationshintergrund ebenso häufig zu Büchern wie der Bevölkerungsdurchschnitt.

„Deutsch sprechende Migranten bilden eine neue Lese-Mittelschicht – mit großem bildungspolitischen Potenzial“, sagt Andreas Storm, Staatssekretär im BMBF. Das zeige, dass die Vermittlung von Sprachkompetenz der Schlüssel für erfolgreiche Leseförderung sei. Erwartungsgemäß gilt: Je höher der Bildungsgrad, desto höher die Lesehäufigkeit.

Die Lesevorlieben von Frauen und Männern sind sehr unterschiedlich. Frauen schmökern fast ebenso gerne in Romanen und Erzählungen (42 Prozent) wie in Sachbüchern. Bei der Fachliteratur liegen die Männer nahezu gleichauf, Belletristik ist jedoch nur 19 Prozent von ihnen wichtig.

Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, Zeitung zu lesen. Jedoch sind es Bücher, die alle Altersgruppen ansprechen: Romane und Krimis halten Jugendliche für ebenso wichtig wie die Generation der 50-Jährigen. Umso erschreckender, dass fast die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen erklärt, sie hätten als Kind nie ein Buch geschenkt bekommen.

Die Zahl der Viel-Leser, die mehr als 50 Bücher pro Jahr verschlingen, bleibt gegenüber dem Jahr 2000 mit drei Prozent auf niedrigem Niveau konstant. Gleichzeitig lässt die Leselust des klassischen Gelegenheitslesers, der ein bis vier Bücher im Monat zur Hand nimmt, nach. Zudem zeichnet sich ein neuer Trend ab: Lese-Zapping, das Überfliegen von Texten. Auch nach elektronischen Büchern, die auf der Frankfurter Buchmesse Furore machten, wurde gefragt. Besonders Männern, junge Erwachsene und höher Gebildete können sich durchaus vorstellen, Werke künftig auch als E-Book zu lesen.

Gefährdet der Computer die klassische Lesekultur? „Lesen am Bildschirm ist im Alltag angekommen“, sagt Stefan Aufenanger von der Stiftung Lesen. Dennoch wolle die Mehrheit nicht auf gedruckte Bücher verzichten. Printmedien würden weiterhin als besonders glaubwürdig empfunden. Gedrucktes scheint auch mehr Orientierung zu bieten: 20 Prozent der Befragten sagten, dass sie sich beim Lesen am Bildschirm leicht verzetteln, weil sie beispielsweise Links folgen. Identifiziert wurde allerdings auch eine Gruppe, die weder Gedrucktes noch Digitales liest. Immerhin acht Prozent der Deutschen bezeichnen sich als „Medienabstinente“.Laura Wieland

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