Studie : Klüger als man denkt

Viele Schüler ohne studierte Eltern haben ein hohes Potenzial – kommen aber nicht aufs Gymnasium. 17 Prozent gehen laut einer neuen Studie auf einen Schultyp unterhalb ihres Leistungsniveaus.

 Anja Kühne
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Große Talente. Das mehrgliedrige Schulsystem hebt längst nicht alle Potenziale. Bildungsforscher vom Wissenschaftszentrum Berlin...

Fast ein Drittel (30 Prozent) der deutschen Schüler besuchen nach der Grundschule eine Schulform, die nicht ihrem tatsächlichen Leistungsniveau entspricht. Das geht aus einer neuen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, für die Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus dem Zeitraum 2006 bis 2008 ausgewertet wurden. Demnach gehen 17 Prozent der fast 900 repräsentativ ausgewählten Schüler auf einen Schultyp unterhalb ihres Leistungsniveaus (underachievement), die übrigen Schüler sind höher eingestuft, als ihre Leistungen erwarten lassen würden (overachievement). Das Risiko, auf einen Schultyp unterhalb der eigenen Fähigkeiten zu gehen, ist demnach für Kinder aus einem nichtakademischen Haushalt zweieinhalbmal so hoch wie für Kinder aus Akademikerfamilien. „Für manche Hauptschüler wäre sogar der Besuch eines Gymnasiums möglich gewesen“, schreiben die Bildungsforscher Heike Solga, Johannes Uhlig und Jürgen Schupp.

Patrick Meinhardt, der bildungspolitische Sprecher der FDP im Bundestag, nannte die Ergebnisse der Studie einen „gesellschaftspolitischen Skandal“. „Wir müssen erreichen, dass jeder junge Mensch auch die Schule besucht, die seinen Fähigkeiten entspricht.“ Die WZB-Forscher selbst erklärten, die Folgen der Unterforderung seien „fatal“: Bildungskarrieren würden „im Keim erstickt“.

Drei Viertel der Akademikerkinder besuchen das Gymnasium, jedoch nur 29 Prozent der Jugendlichen, deren Eltern nicht studiert haben. Nur fünf Prozent der Akademikerkinder gehen auf die Hauptschule, aber 26 Prozent der Kinder ohne studierte Eltern. Zwischen den Schülern der drei untersuchten Schulformen Gymnasium, Haupt- und Realschule wurden breite Überlappungen der kognitiven Fähigkeiten festgestellt, die sich auch in den Deutsch- und Mathematikzensuren widerspiegeln. In einem Intelligenztest wurden verbale, numerische und figurale Fähigkeiten untersucht. Demnach sind sieben Prozent der Akademikerkinder unterschätzt worden, blickt man auf die Wahl ihres Schultyps, und sogar 16 Prozent der Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern. Von den hinsichtlich ihrer Leistungen bei der Schulwahl überschätzten Schülern mit akademischem Hintergrund (18 Prozent) besuchen 86 Prozent das Gymnasium. Bei den überschätzten Kindern ohne studierte Eltern (16 Prozent) sind 47 Prozent am Gymnasium und 48 Prozent an der Realschule. In anderen Worten: Unter den Schülern, deren kognitive Fähigkeit die Schulwahl Gymnasium nicht erwarten ließ, sind besonders viele Akademikerkinder.

Warum werden so viele Schüler nach der Grundschule nicht der für sie am ehesten passenden Schulform zugewiesen? Die Bildungsforscher geben als Ursache die Entscheidungen von Lehrern und Eltern an. Bei den unterschätzten Schülern aus bildungsferneren Familien spielen Persönlichkeitsmerkmale (Habitus) jedenfalls keine große Rolle, schreiben die Forscher.

Die Zahl der in der Studie untersuchten Schüler ist zu gering, um Erkenntnisse über die Lage in den einzelnen Bundesländern abzuleiten, teilte das WZB mit. Eine andere WZB-Studie vom Mai hatte allerdings eine hohe Abhängigkeit der Bildungschancen vom Wohnort festgestellt: Manche Länder lassen erheblich mehr Schüler aufs Gymnasium als andere.

Die WZB-Untersuchung bestätigt die Ergebnisse der internationalen Lesestudie Iglu. Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung haben Kinder von Eltern, die der „oberen Dienstklasse“ angehören, eine mehr als zweieinhalbmal so große Chance auf eine Gymnasialempfehlung als Kinder von Facharbeitern und leitenden Angestellten.

Auch hatte bereits die Pisa-Studie erhebliche Überlappungen bei den Leistungen in den verschiedenen Schulformen festgestellt. Demnach lesen im Bundesschnitt die 25 Prozent der stärksten Hauptschüler so gut wie 25 Prozent der schwächsten Gymnasiasten. Die Hälfte der Berliner Schülerinnen und Schüler an den Real- und Gesamtschulen erreichte das gleiche Niveau wie 60 Prozent der schwächeren Gymnasiasten. Und 75 Prozent der Berliner Hauptschüler schnitten so gut ab wie die leistungsschwächere Hälfte der Jugendlichen an den Realschulen und den Integrierten Gesamtschulen.

Die WZB-Forscher legen Wert auf die Feststellung, dass es ihnen nicht darum geht, für eine bessere Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen zu werben. Vielmehr müssten Entscheidungen über unterschiedliche Bildungswege möglichst spät fallen, um Bildungsungleichheiten abzubauen.

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