Studienanfänger : Total verschätzt: Noch lange Andrang an den Unis

09.02.2012 18:10 UhrVon Uwe Schlicht, Amory Burchard
Es bleib voll: Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für ein Studium. Foto: dpa
Es bleib voll: Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für ein Studium. - Foto: dpa

Die Kultusminister haben sich bei der Berechnung der Studienanfängerzahlen verschätzt. Aus einer neuen Prognose geht hervor, dass auch nach 2015 weiterhin Massen an die Hochschulen drängen werden.

Bund und Länder müssen die Finanzierung der Studienplätze völlig neu kalkulieren. Nach der neuesten Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK), die dem Tagesspiegel vorliegt, werden bis 2025 weit mehr als 400.000 Studienanfänger jährlich zu versorgen sein. Bisher hatte die Politik damit gerechnet, dass der Studentenandrang lediglich bis 2015 anhalten werde und danach ein rapider Rückgang die Hochschulen entlasten könnte.

Jetzt zeichnen sich neue Rekordzahlen ab. 2011 wurden 515.833 Studienanfänger gezählt, 2013 sollen es 489.200 sein, 2016 wird mit 471.700 gerechnet. Bis 2019 werde das Niveau auf deutlich über 450.000 bleiben; mit einem Absinken auf die Zahl von 2010 (442.000) sei frühestens 2021 zu rechnen, heißt es in dem Papier, mit dem sich am Donnerstag die Amtschefs der Kultusministerien beschäftigten.

Es wird erwartet, dass die KMK die Prognose bei ihrer Sitzung am 22./23. März offiziell beschließt.

Bisher machten die Politiker die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre für den Hauptandrang der Studienanfänger bis 2015 verantwortlich. Hinzu gekommen ist jedoch, dass immer mehr Schüler das Abitur erwerben, die Studierneigung stark gestiegen ist, mehr Studienanfänger aus dem Ausland nach Deutschland kommen und mehr Berufstätige ein Studium aufnehmen. Erheblich verstärkt wurde der Trend durch den Wegfall der Wehrpflicht im vorigen Jahr.

Mit 9,4 Milliarden Euro haben Bund und Länder die zweite Phase des Hochschulpakts zum Aufbau zusätzlicher Studienanfängerplätze bis 2015 finanziert. In Phase drei des Hochschulpakts von 2016 bis 2020 sollte es wegen des erwarteten Rückgangs der Studienanfängerzahlen im Wesentlichen um den Aufbau von zusätzlichen Masterstudienplätzen gehen.

Wie falsch die Experten lagen, zeigt auch ein Blick in die Prognose des Wissenschaftsrats von 2006. Die entscheidende Aussage im Gutachten des Gremiums lautete: Die Zahl der Studienanfänger werde bei einer Übergangsquote von 75 Prozent bis zum Jahr 2011 weiter deutlich auf 394.300 beziehungsweise bei einer Übergangsquote von 85 Prozent auf 436.900 ansteigen. „Danach fällt die Zahl der Studienanfänger kontinuierlich und auf unabsehbare Zeit. Die für das Jahr 2020 berechneten Werte liegen bei 343.500 beziehungsweise 379.400 Studienanfängern.“

Eine Aufstockung des Hochschulpakts forderte am Donnerstag der hochschulpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Kai Gehring. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) müsse „nachlegen und gemeinsam mit den Ländern umgehend einen weiteren Studienplatzaufbau auf den Weg bringen“. Der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Swen Schulz, erklärte, kurzfristig müssten mindestens 50.000 Studienplätze mehr finanziert werden.

Zuvor hatte Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) erklärt, Bund und Länder müssten für das Bachelorstudium bis 2020 mit zusätzlichen Kosten von bis zu 9,5 Milliarden Euro rechnen. Die erforderlichen Masterplätze seien dabei noch nicht eingerechnet, sagte Bauer der „Zeit“.

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