Studienzulassung : Vom Meister zum Master

Studium ohne Abitur: Die Wirtschaft fordert passgenaue Angebote für Berufstätige.

Ohne Abitur an die Hochschule – der Vorstoß des Präsidenten der Humboldt-Universität, die Zulassung zu vereinfachen, wird in der Wirtschaft grundsätzlich begrüßt. Der Vorschlag von Christoph Markschies gehe in die richtige Richtung, sagt Knut Diekmann, Weiterbildungsexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Allerdings passe das Angebot der Hochschulen bislang nicht zum Bedarf in der Wirtschaft. „Kaum jemand, der erfolgreich im Beruf steht, würde ein Vollzeitstudium aufnehmen.“ Die Hochschulen müssten berufsbegleitende Studiengänge mit Präsenzzeiten abends und am Wochenende, kombiniert mit E-Learning anbieten. Sie sollten verkürzte Studiengänge für Praktiker anbieten – und deren Berufserfahrungen auch als Studienleistungen anrechnen. Meister, Fachkaufleute und Fachwirte müssten gleich zum Masterstudium zugelassen werden.

In Berlin ist es bereits möglich, mit der entsprechenden Berufserfahrung zu studieren. Die Bewerber werden für zwei bis vier Semester vorläufig immatrikuliert. Danach, so schreibt es das Hochschulgesetz vor, „entscheiden die zuständigen Prüfungsausschüsse der Hochschule auf der Grundlage der erbrachten Studienleistungen über die endgültige Immatrikulation“. Diese Probezeit will Markschies jetzt abschaffen.

Baden-Württemberg hat den Hochschulzugang bereits im letzten Jahr erleichtert – mit bescheidenem Erfolg. Seit 2006/07 können Nicht-Abiturienten ein Studium ohne Probezeit oder Eignungsprüfung aufnehmen, vorausgesetzt, ihre Ausbildung entspricht dem Fach, das sie an der Uni belegen wollen. Tatsächlich ist die Zahl der Studierenden ohne Abitur seitdem etwas gestiegen, bleibt aber auf niedrigem Niveau. Immatrikulierten die Hochschulen 2003 noch 23 Bewerber ohne Abitur, waren es in den letzten 12 Monaten 113. Davon wollten nur 21 an eine Uni, 56 gingen an eine Fachhochschule, 32 an eine Berufsakademie.

Andere Länder sind strenger. In Nordrhein-Westfalen müssen Nicht-Abiturienten eine Eignungsprüfung ablegen und mindestens 22 Jahre alt sein, wenn sie an einer Uni studieren wollen. In Bayern dürfen Berufstätige ohne Abitur allein an einer FH studieren. „Einige hundert“ Meister hätten sich in den letzten sechs Monaten für ein Studium beworben, sagt ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums. Die praxisorientierte FH-Ausbildung sei das geeignete Studium für hoch qualifizierte Meister.

In Rheinland-Pfalz, das ähnlich wie Berlin eine Probezeit für Studierende ohne Abitur vorsieht, stößt Markschies’ Vorstoß auf wenig Resonanz. Die Probezeit sei auch „zum Vorteil“ für die Studierenden, die aus der Berufstätigkeit kommen, sagte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums. Sie müssten erst mal herausfinden, ob sie überhaupt für ein Studium geeignet seien. Wenn man die Akademikerquote signifikant steigern wolle, sei es „wichtiger und erfolgversprechender“, Jugendliche bereits in der Schulzeit zur Hochschulqualifikation zu führen. Gerade kleine Unternehmen würden nur sehr selten ihre Arbeitnehmer für ein mehrjähriges Studium freistellen.

Deshalb sei der erleichterte Zugang zum Studium für Begabte ohne Abitur nur ein erster Schritt, sagt auch die Präsidentin der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH), Christine Labonté-Roset. Sie ruft die Berliner Hochschulen auf, mehr Teilzeitstudiengänge und Weiterbildungen mit einem hohen Anteil an E-Learning anzubieten. Die ASFH hat bereits einen dualen Bachelor-Studiengang für Physio- und Ergotherapie im Angebot, in dem die Teilnehmer parallel an der Berufsfachschule und an der FH studieren und in der zweiten Phase in Teilzeit arbeiten können.

Einen dualen Studiengang für Betriebswirtschaftslehre bietet in Berlin etwa auch die Technische Fachhochschule (TFH) an – mit je 12 Wochen Studium und 12 Wochen Betriebspraktikum, für das die Studierenden mit rund 1000 Euro entlohnt werden. An der TFH fangen in diesem Wintersemester rund 200 Studierende ohne Abitur an – ein Zehntel der Gesamtzahl. Auch Präsident Reinhard Thümer verteidigt die zweisemestrige Probezeit. Es sei wichtig, rechtzeitig zu überprüfen, ob die Quereinsteiger wirklich studierfähig seien.

Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, bieten die TFH und auch die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) Brückenkurse in Fächern wie Mathe und Chemie an. Die Quereinsteiger hätten oft Anlaufprobleme, absolvierten dann aber ein „gutes, motiviertes und zügiges Studium“, sagt FHTW-Vizepräsident Klaus Semlinger. Die FHTW hat im vergangenen Jahr ihre bis dahin fünfprozentige Quote für das Begabtenstudium auf zehn Prozent angehoben

An den Fachhochschulen sei die Bewerberlage allgemein gut, sagt Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner, an den Unis würden die Quoten nicht voll ausgeschöpft. Bei der Novellierung des Hochschulgesetzes wolle er sich für eine „stärkere Durchlässigkeit“ einsetzen. In der Kultusministerkonferenz, deren Präsident Zöllner 2007 ist, werde er den erleichterten Zugang zum Thema machen. -ry/tiw

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