Wissen : Studieren im Paradies

Der Studentenberg wird noch größer als erwartet. Der Osten will die Ströme mit neuer Werbung zu sich lenken

Uwe Schlicht

Der Fischadler stürzt mit gespreizten Fängen aus dem Himmel herab und wird in Sekundenbruchteilen keine Plötze packen, sondern den Slogan „Greif dir die Zukunft“. Plakate mit diesem Bild hingen in diesem Sommer auf den Berliner Bahnhöfen. Und in den Szenekneipen der Studenten lagen Bierdeckel und Postkarten mit witzigen Bildern aus. Da blickt man in eine geöffnete Sardinenbüchse oder auf eine Schnecke. Die Assoziation ist für jeden Jugendlichen klar, der sich für einen Studienplatz interessiert: In Brandenburg drängen sich keine Massen in den Hörsälen wie in einer Sardinenbüchse. Weil Brandenburg bei der Umstellung auf Bachelor und Master vorangeht, entspricht der Studienfortschritt auch nicht der Langsamkeit einer Schnecke. Und da so viele Jugendliche aus den neuen Ländern nach Bayern, Baden-Württemberg und Österreich abwandern, ironisiert Brandenburg den Trend zum „Auslandsstudium“ mit einer altbayerischen Lederhose.

Diese Werbung um künftige Studenten aus dem Westen und die Lockerung des Numerus clausus hat Brandenburg schon 13 Prozent mehr Studienanfänger gebracht. Die Kampagne wird zum Sommersemester wieder aufgenommen. Das Land an Havel und Spree steht damit nicht allein. Mecklenburg-Vorpommern wirbt mit dem Slogan „Zwischen Strand und Audimax“. Auf einer Bilderleiste stehen links die Strandkörbe, in der Mitte die Hörsäle und rechts spielt ein junger Mann auf grüner Wiese hingebungsvoll Cello. Thüringen will an die so erfolgreiche Wirtschaftskampagne anschließen. Dort lautet der Slogan „Willkommen in der Denkfabrik“. Was verbindet man mit Thüringen? Auf der einen Seite Ferngläser, Solartechnik und Handy-Schalen. Auf der anderen Seite die berühmte Thüringer Bratwurst. Heraus kommt dann der Wissenschaftler, der sich über die Tastatur eines Computers beugt und statt den Flachbild-Monitor eine Bratwurst anstarrt.

Warum werben die ostdeutschen Hochschulen um Studenten aus dem Westen? In Ostdeutschland haben sich die Geburtenzahlen halbiert, und die Jugendlichen aus dem Umkreis von Leipzig, Dresden, Jena, Rostock, Halle oder Potsdam können die Hörsäle nicht mehr füllen. Nach dem Studium wandern viele in den Westen und Süden Deutschlands ab, weil dort die besser bezahlten Arbeitsplätze konzentriert sind. Deswegen ist die drohende Überfüllung der Hochschulen in der alten Bundesrepublik für den Osten eine große Chance. Im Westen gibt es noch starke Jahrgänge und vor allem doppelte Jahrgänge von Schulabgängern durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre. Der dadurch ausgelöste Massenandrang wird seinen Höhepunkt zwischen 2011 und 2014 haben und noch nach dem Jahr 2020 zu spüren sein.

Deswegen haben Bund und Länder einen Hochschulpakt beschlossen, der zunächst 91 000 Studienanfängerplätze bis zum Jahr 2010 schaffen soll. Dafür werden 1,1 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Das ist eine Summe, von der man heute schon weiß, dass sie um 800 Millionen Euro zu gering ausgefallen ist. Wie teuer der Hochschulpakt bis zum Jahr 2020 sein wird – über diese Frage schweigen sich die Politiker aus. Auch der Wissenschaftsrat, der die Kosten berechnet hat, hält seine Ergebnisse hinter verschlossenen Türen.

Da ist das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), getragen von der Hochschulrektorenkonferenz und der Bertelsmann-Stiftung, viel mutiger. Im vergangenen Jahr hat das CHE die Gesamtkosten mit sieben Milliarden Euro beziffert. Jetzt hat das CHE aufgrund neuer Erkenntnisse über die Zahl der Schüler, die in die Sekundarstufe II aufgenommen wurden, die voraussichtlichen Kosten mehr als verdoppelt.

Nach der jüngsten Prognose der Kultusministerkonferenz gibt es 650 000 Schüler mehr, die das Abitur oder ein Fachabitur anstreben, als noch im Jahr 2005 geschätzt wurden. Wenn die meisten Schulabgänger studieren, werden die Gesamtkosten bis zum Jahr 2020 auf 15,7 Milliarden Euro steigen. Das gab der Geschäftsführer des CHE, Christian Berthold, auf einer Tagung des CHE in Berlin bekannt. Außerdem gehen nicht alle Schulabgänger im ersten Jahr an die Hochschulen. Der Ansturm verteilt sich über fünf Jahre. So kommen die hohen Übergangsraten zwischen 70 und 80 Prozent der Abiturienten zustande. Die einschlägige Untersuchung des CHE unter dem Titel „Die Zukunft vor den Toren“ wird in Kürze veröffentlicht.

Angesichts dieser gigantischen Summe richtet sich der Blick auf mögliche Einsparpotenziale. Die hat das CHE schon im vergangenen Jahr auf drei Milliarden Euro geschätzt, sofern die westdeutschen Studienbewerber massenhaft gen Osten wandern und dort die halbleeren Hörsäle füllen. Aber wie soll das funktionieren, wenn man auf Zwangszuweisungen durch die ZVS verzichtet und sich die Angst vor Gewalt und Rechtsradikalismus in den neuen Ländern weiter verbreitet?

Drei Milliarden Euro Einsparung – das wäre für die neuen Länder eine Solidarleistung in umgekehrter Richtung. Vor diesem Hintergrund arbeiten alle neuen Länder in einer Initiative zusammen, die von der Stabsstelle für Strategische Planung im Kultusministerium von Sachsen-Anhalt koordiniert wird. Dessen Sprecher Gerhard Wünscher sagte auf der Tagung des CHE: „Wenn die neuen Länder den alten helfen könnten, hätte das mehr als nur eine symbolische Bedeutung.“

Hochglanzbroschüren, die lächelnde junge Mädchen hinter riesigen Schutzbrillen im Labor zeigen oder Massen von Studenten auf den Stufen und Fensterbänken der Hörsäle, sind inzwischen so abgegriffen, dass sie keine Aufmerksamkeit erzielen können. Daher die neuen Werbeeinfälle von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Daher aber auch konkrete Initiativen, die über Werbung hinausgehen.

Die Universität Jena gehört zu den besten in den neuen Ländern. Sie wirbt inzwischen gemeinsam mit der Bauhaus-Universität Weimar in Peking und auf Messen beim MIT in Boston um neue Studenten. Jeder Professor, der aus dem Westen nach Jena kommt, wird aufgefordert, in Städten der alten Bundesrepublik Vorträge über Jena zu halten und den Kontakt zu den Schulen aufzunehmen, in denen er einmal gelernt hat.

Die Universität und die Stadt Jena haben das Prinzip der kurzen Wege vereinbart, so dass die neuen Studenten für alle Probleme einen Ansprechpartner finden. Ausländerbetreuung, Wohnraumvermittlung, Praktika in Betrieben und eine verbesserte didaktische Aufbereitung des Lehrangebots sind die Rezepte. Zunächst glaubte der jetzige Rektor Klaus Dicke, mit der guten Betreuung, die einst in der DDR geboten wurde, Studenten werben zu können. Das war ein Reinfall. Dann rief er Jena zur „studentenfreundlichsten Stadt Europas“ aus. Seitdem drängen sich die Medien um Interviews. Der neueste Slogan lautet: „Jena als Studentenparadies“. Es gibt einen Paradiespark in Jena und einen ICE-Bahnhof Jena-Paradies. Insofern hat das Studentenparadies eine reale Grundlage.

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