Studieren in Berlin : Der große Run auf die Unis der Hauptstadt

Bald sollen wieder mehr Berliner in der Hauptstadt studieren können. Ob das klappt, ist aber unklar - der Verdrängungswettbewerb mit Bewerbern aus anderen Bundesländern ist groß.

Anja Kühne und Tilmann Warnecke
Dicht an dicht. Die Zahl der Studierenden steigt immer weiter. Doch in den Kulturwissenschaften und in Medizin wurden bislang kaum neue Plätze aufgebaut. Foto: dpa
Dicht an dicht. Die Zahl der Studierenden steigt immer weiter. Doch in den Kulturwissenschaften und in Medizin wurden bislang kaum...Foto: picture alliance / dpa

„Mein Kind hat eine gute Abi-Note – warum bekommt es dann keinen Studienplatz in Berlin?“ Das fragen sich jedes Jahr viele Berliner Eltern. In Zukunft könnten sich noch mehr Steuerzahler darüber ärgern, dass ihre Stadt sich drei große Universitäten und sechs Fachhochschulen leistet, aber nur noch den besten Berliner Abiturienten ein Studium nah am Wohnort bieten kann. Denn immer mehr Schulabsolventen strömen bundesweit an die Hochschulen und immer mehr wollen in der Hauptstadt studieren. Die Zahl der Studienplätze in Berlin wächst zwar nach jahrelangem Rückgang wieder deutlich an. Aber noch profitieren Berliner Abiturienten davon nicht.

Bislang haben Wissenschaftspolitiker der SPD den scharfen Verdrängungswettbewerb – die Studienplätze gehen an die Abiturbesten aus ganz Deutschland – kleingeredet oder gar in Abrede gestellt. So hat der SPD-Abgeordnete Lars Oberg mehrfach im Wissenschaftsausschuss erklärt, es gebe genug Studienplätze in Berlin. Auf seiner Homepage ist zu lesen: „Die Chancen für Berliner Abiturienten in Berlin zu studieren sind außerordentlich gut.“ Auch Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, erklärte jüngst, es sei „provinziell“, Plätze für Landeskinder reservieren zu wollen: „Dann könnten wir auch gleich unseren Hauptstadtstatus abgeben.“

Die betroffenen Berliner Familien selbst werden sich als weniger „provinziell“ empfinden, als es ihnen Politiker oder Professoren vorwerfen. Viele Berliner Abiturienten wollen ja gerade in Berlin studieren, um der Provinz zu entgehen, nicht anders als ihre Mitbewerber aus Schwaben. Bei vielen aber kommen finanzielle und soziale Erwägungen hinzu. Es ist billiger, bei den Eltern zu wohnen. Außerdem scheuen Kinder aus hochschulfernen Familien den Schritt an die Uni erst recht, wenn sie durch einen Umzug in eine andere Stadt ihr soziales Umfeld verlieren würden, wie auch neulich Experten im Abgeordnetenhaus erklärten.

Ob die Berliner Politiker von solchen sozialen Sorgen umgetrieben werden oder nicht: Sollte es ihnen nicht gelingen, die Chancen für die Landeskinder zu verbessern, könnte ihnen bald ein Heer wütender Wähler gegenüberstehen. So wie sich Berliner Eltern bereits über den Zugang zur „Wunschschule“ erhitzen, könnten sie bald auch den Zugang zur Berliner „Wunschuni“ erkämpfen wollen – erst recht, wenn die Studienplätze bundesweit noch knapper werden.

Wie eng ist es für Berliner Abiturienten? Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat gerade erst erklärt, es gebe kein Problem: Mehr als die Hälfte der studierwilligen Berliner Abiturienten bekämen einen Platz in der Hauptstadt. Was Schavan aber nicht sagte: Bei dem aktuellen Anteil von 55 Prozent handelt es sich um ein Rekordtief. Noch im Jahr 2000 studierten 78 Prozent aller studierwilligen Berliner Abiturienten in Berlin.

Entsprechend gesunken ist der Anteil der Berliner Abiturienten an den Studienanfängern in Berlin: von 47,2 Prozent (bei insgesamt 132 406 Studierenden) im Jahr 2000 auf 35 Prozent im Jahr 2009 (bei insgesamt 140 070 Studierenden). Nach einer weiteren großen Sparrunde, in der zehntausende Studienplätze vernichtet wurden, führten die Berliner Hochschulen im Jahr 2004 fast flächendeckend den Numerus clausus ein. Der Berliner Abiturschnitt liegt aktuell bei 2,4. Doch inzwischen brauchen Bewerber für ein beliebtes Massenfach wie Jura eine 1,9 (an der HU) oder eine 2,3 (an der FU). Zum Vergleich: In München reicht eine 2,6. Grundschulpädagogik ist in Berlin erst mit einer 1,9 studierbar, während in München noch eine 2,5 reicht. Für BWL braucht man in Berlin die Note 2.0, in München ginge das mit einer 2,4.

Zwar baut der Senat mit Bundesmitteln wieder Tausende von Plätzen auf. So wuchs die Zahl der Studierenden im ersten Hochschulsemester in den Jahren 2000 bis 2009 um mehrere Tausend, nämlich um 5251. Doch davon profitierten die Studienanfänger mit Berliner Abitur nicht. Ihre Zahl schrumpfte sogar: von 9941 auf 9154 um 787. Zwei andere Gruppen profitierten. Die Zahl der Studierenden aus dem Ausland stieg um 3464 und die Zahl derer, die aus anderen Bundesländern kamen, um 2574. Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner glaubt dennoch, dass der Anteil der Berliner schon im kommenden Jahr wieder steigen wird. Denn gegenüber 2006 sollen dann 11 500 mehr Plätze für Studienanfänger geschaffen worden sein, nämlich 31 500.

Allerdings wird der Andrang dann auch erst richtig groß. Schon in diesem Jahr verlassen doppelte Abiturjahrgänge die Schulen in Bayern und in Niedersachsen, nicht mehr Wehrpflichtige drängen in die Seminare. Im nächsten Jahr dann kommen die Berliner in zweifacher Jahrgangsstärke an die Unis, zugleich mit den Schülern aus Brandenburg, Baden-Württemberg und Bremen. Das bevölkerungsreichste Land, NRW, folgt im Jahr darauf.

Wie eng es im Herbst für Bewerber wird, hängt auch vom Studiengang ab. In der Humanmedizin, seit jeher ein Fach mit sehr hartem NC, wurden mit dem Hochschulpakt von Bund und Ländern zwischen 2005 und 2009 keine neuen Plätze geschaffen. Dabei ist die ganze Zeit von einem Ärztemangel die Rede. Doch Bund und Länder stellen mit dem Pakt pro Studienplatz 26 000 Euro bereit. Ein Medizinstudienplatz kostet aber etwa 200 000 Euro. In NRW will das Kabinett der nächsten Generation trotzdem eine Chance geben und in fünf Jahren 1000 neue Medizinstudienplätze aufbauen. Berlin kann keinen Zuwachs versprechen.

Der Großteil neuer Studienplätze wird bundesweit bislang in BWL und Jura aufgebaut (bundesweit 28 336). Mit einigem Abstand folgen die Ingenieurwissenschaften (bundesweit 17 285), wieder mit Abstand folgen Mathematik und Naturwissenschaften (bundesweit 6339). Die Zahl der Plätze in den Kulturwissenschaften stieg bundesweit lediglich um 2235, in Berlin nur um 65 – ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch die Politik orientiert sich nicht nur an der Nachfrage der Abiturienten. Sie will die Bewerber in wirtschaftsnahe Bereiche lenken.

Was ist zu tun? Berlin könnte durchaus noch ein paar zehntausend zusätzliche Studienplätze vertragen. Aber die sind nicht zu bezahlen. Und die Bevorzugung der eigenen Landeskinder verbietet die Verfassung. Wissenschaftssenator Zöllner versucht also, kleine Hebel in Bewegung zu setzen: Um die Wehrpflichtigen aufzufangen – allein 1500 zusätzliche studierwillige Berliner erwartet Zöllner im Herbst – will er den Aufbau der Studienplätze beschleunigen und den Hochschulen dafür mindestens 35 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Zöllner schafft an Berlins Schulen auch den neuen Kurs „Studium und Beruf“. Wer ihn belegt hat, soll bei der Bewerbung an Berliner Hochschulen Pluspunkte bekommen. Dass das allen hilft, glaubt aber offenbar auch der Senator nicht. Denn er empfiehlt Abiturienten, mit dem Studium bis nach dem großen Run 2011/2012 zu warten: Auslandsaufenthalte oder ein freiwilliges soziales Jahr brächten „wichtige Lebenserfahrungen“.

Der Opposition reicht das nicht. Die CDU fordert eine bessere Finanzierung der Unis. Linke und Grüne sympathisieren mit dem Zulassungsverfahren an der TU Berlin. Dort liegt der Anteil der Studienanfänger aus Berlin und Brandenburg seit Jahren konstant bei zwei Drittel, sagt Horst Henrici, der Leiter des Studierendenservice. Denn die TU lässt als einzige Berliner Uni immer noch die Hälfte der Studierenden nach Wartezeit zu. Dadurch kommen mehr Abiturienten mit einem schwächeren Schnitt an die Uni, wenn sie einige Semester gewartet haben. An der FU und der HU werden nur zwanzig Prozent der Plätze nach Wartezeit vergeben.

Mehr Chancen für Berliner durch längere Wartezeiten? Das dürfte weder dem Senator noch Professoren gefallen, die lieber bundesweit „die Besten“ abschöpfen. Abgesehen davon würden die schwierigen Schulreformen der vergangenen Jahre – die frühere Einschulung und das verkürzte Abitur – auch sinnlos, wenn Studierwillige in Warteschleifen altern.

Wie also weiter? Darüber unterhielt sich am gestrigen Dienstag eine Runde von 40 Vertretern aus Politik, Schulen, Hochschulen und Verbänden in der Senatsverwaltung. Im Anschluss ließ Zöllner mitteilen, der doppelte Abiturjahrgang 2012 könne damit rechnen, „trotz schärferer Konkurrenz“ „ohne übergroße Schwierigkeiten“ einen Studienplatz zu bekommen: „Allerdings wird dies nicht nicht immer ohne ein gewisses Maß an Mobilität und Flexibilität möglich sein.“

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