Studierendenzahlen : Der Bildungstrichter

Wer studiert, hängt maßgeblich von der sozialen Herkunft ab: 83 Prozent der Akademikerkinder studieren, Arbeiterkinder sind unterrepräsentiert. Die hochschulfernen Schichten müssen mobilisiert werden.

Anja Kühne
Uni
Mehr Mädchen als Jungs machen Abitur, trotzdem sind weniger als die Hälfte der Studienanfänger weiblich. -Foto: Caro

Als „beschämend für die Demokratie“ hat Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW), die Befunde der neuen Sozialerhebung des DSW bezeichnet. Im deutschen Bildungssystem entscheide die soziale Herkunft „ganz maßgeblich“ über den Bildungsweg. Die neue Sozialerhebung, für die vor einem Jahr 17 000 Studierende befragt wurden, zeigt, dass von 100 Akademikerkindern 83 studieren, aber von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien nur 23. Die Zahlen zeigten, dass die „Rekrutierungspotenziale“ für Akademiker aus hochschulnahen Milieus ausgeschöpft seien, sagte Dobischat. Die zusätzlichen Hochqualifizierten, die Deutschland dringend brauche, müssten aus hochschulfernen Schichten mobilisiert werden.

Das Ziel der Bundesregierung sei es, dass 40 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium aufnehmen, sagte Andreas Storm, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Im Jahr 2006 sind es erst 36 Prozent. Storm berief sich auf die angestrebte Bafögreform und auf den Hochschulpakt für mehr Studienplätze. Die GEW verlangte ein „Aktionsprogramm“. Unter anderem müssten die Studiengebühren ausgesetzt werden, „um eine weitere Vertiefung der Chancenungleichheit auszuschließen“.

Für Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, wird das deutsche Bildungswesen zum „Bildungstrichter“, wie die Grafik des DSW zeigt. Nur 46 Prozent der Nicht-Akademikerkinder erreichten überhaupt die Oberstufen der Schulen. Von diesen 46 Prozent nimmt dann nur die Hälfte ein Studium auf. Hingegen erreichen von 100 Akademikerkindern 88 Prozent die Oberstufe, von diesen nehmen 83 ein Studium auf.

Die soziale Selektion ist weit weniger eine Frage des Berufs der Eltern, als eine des Bildungsabschlusses, wie die Studie hervorhebt. Weil es die Sozialerhebung seit 1951 gibt, orientieren sich die Autoren dabei noch immer vorwiegend am Vater, nicht an der Mutter, um die Zahlen weiter vergleichbar zu machen. Etwa genauso viele Kinder von Beamten studieren heute ohne Hochschulabschluss wie Kinder von selbstständigen Vätern ohne Studium (37 gegenüber 38 Prozent). Der Abstand beider Gruppen zu den Kindern von nicht-akademisch gebildeten Angestellten beträgt nur etwa zehn Prozent (27 Prozent).

Verbeamtet, Akademiker: Wer solche Eltern hat, studiert

Die entscheidenden Unterschiede innerhalb jeder Gruppe liegen hingegen beim Bildungsabschluss der Eltern. Zehn Prozent aller Jugendlichen im Alter zwischen 19 und 24 haben einen Vater, der als Angestellter arbeitet und Akademiker ist. Von diesen Jugendlichen nehmen 76 Prozent ein Studium auf. Von den 27 Prozent mit angestelltem Vater ohne Studienabschluss sind es hingegen nur 27 Prozent. Von den neun Prozent der Jugendlichen, die einen selbstständigen Vater ohne Hochschulabschluss haben, studieren 38 Prozent. Doch unter den vier Prozent der Jugendlichen mit selbstständigem Akademikervater sind es 88 Prozent. Am stärksten ist die Studierneigung von Kindern, deren Vater sowohl Beamter ist als auch studiert hat. Zu dieser Gruppe gehören vier Prozent der Jugendlichen. Von ihnen nehmen 95 Prozent ein Studium auf.

Gemessen an ihrem Anteil an der altersspezifischen Bevölkerung sind Beamtenkinder an den Hochschulen damit überrepräsentiert,vor allem die Kinder von studierten Beamten. Zu dieser Gruppe gehören nur vier Prozent der Jugendlichen in Deutschland. An den Hochschulen macht diese Gruppe aber 12 Prozent der Studierendenschaft aus. Hingegen kommen 41 Prozent der Jugendlichen (349 000) aus Arbeiterfamilien, doch ihr Anteil am Studierendenkörper beträgt nur 20 Prozent. Diese Gruppe ist also deutlich unterrepräsentiert.

Immerhin ist die Chance auf ein Studium für ein Beamtenkind heute nur noch 3,6 mal so groß wie für ein Arbeiterkind (1985 war sie noch sechs mal so hoch). Ähnlich der Trend in den neuen Ländern: Im Jahr 1995 hatten hier Kinder von Selbstständigen eine fast sieben Mal so große Chance, ein Studium zu beginnen, wie Kinder von Arbeitern, jetzt sind die Chancen von Kindern Selbstständiger nur noch 3,5 mal so hoch.

Insgesamt hat heute weit mehr als die Hälfte der Studierenden (58 Prozent) mindestens ein Elternteil mit Abitur. Der Anteil von Studierenden, deren Eltern Abitur haben, ist im Vergleich zu 2003 erneut um drei Prozentpunkte gestiegen. Hingegen ging der Anteil an Studierenden aus Familien mit Hauptschulabschluss erneut um zwei Prozentpunkte auf nun 14 Prozent zurück. Im Jahr 1985 stammten noch 37 Prozent der Studierenden von Eltern mit Hauptschulabschluss ab, von Eltern mit Abitur erst 36 Prozent. Der Anteil von Kindern, deren Eltern Realschulabschluss haben, blieb hingegen konstant bei 28 Prozent.

Nur 14 Prozent der Studenten sind Kinder von Hauptschülern

Genauso, wie Studierende aus höheren Schichten lieber die Universität als die Fachhochschule besuchen, bevorzugen sie auch bestimmte Fächergruppen. Studiengänge, die mit Staatsexamen abschließen, also Jura, Medizin und die Lehrämter, haben den größten Anteil an Studierenden der Herkunftsgruppe „hoch“ als auch den geringsten Prozentsatz Studierender aus der untersten Gruppe (51 Prozent gegenüber neun Prozent). Studierende aus der untersten Herkunftsgruppe bevorzugen Sozialwissenschaften, Pädagogik, Psychologie und Ingenieurwissenschaften.

Während sich die Sozialstruktur in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat, wirkt der Wandel offenbar kaum in die Hochschulen hinein, bilanzieren die Autoren: Die soziale Zusammensetzung der Studierenden bleibe „vor größeren Veränderungen abgeschottet und weitgehend unverändert“.

Deutliche Unterschiede gibt es auch zwischen Männern und Frauen. In jeder Herkunftsgruppe überwiegt der Männeranteil. Hat der Vater Abitur, sind die Chancen junger Männer auf ein Studium um sieben Prozent höher als der junger Frauen, bei Beamtenkindern sogar elf Prozent höher. Das heißt, für Frauen ist die soziale Selektion beim Übergang auf die Hochschule schärfer als für Männer. Obwohl mehr Frauen als Männer Abitur machen (2004: 39 Prozent Männer, 45 Prozent Frauen) und Männer doppelt so oft wie Frauen nur die Fachhochschulreife haben, nehmen Frauen seltener ein Studium auf. Von den knapp zwei Millionen Studierenden ist knapp die Hälfte weiblich (48 Prozent). Das bedeutet einen leichten Rückgang gegenüber dem Wintersemester 2002/2003, in dem die Hälfte aller Studienanfänger weiblich war. Gegenüber dem EU-Schnitt (54,8 Prozent der Studierenden sind Frauen, in skandinavischen Ländern fast 60 Prozent) liegt Deutschland damit „im unteren Bereich“, schreiben die Autoren.

Studenten sind die größeren Nesthocker

Bei der Fächerwahl gehen die Wege von Frauen und Männern besonders weit auseinander. 81 Prozent der Studierenden in den Ingenieurwissenschaften sind Männer. Dagegen sind in der Fächergruppe Soziologie, Pädagogik und Psychologie 70 Prozent Frauen immatrikuliert. Von Frauen dominiert sind auch die Kulturwissenschaften (65 Prozent), die Medizin (64 Prozent) und die Rechtswissenschaften (55 Prozent). In den Wirtschaftswissenschaften sowie in Mathematik und den Naturwissenschaften gibt es hingegen mehr Männer (59 bzw. 61 Prozent).

Studentinnen verlassen früher als Studenten die elterliche Wohnung. Während von den Frauen 19 Prozent bei den Eltern wohnen, sind es bei den Männern 26 Prozent. Auch leben Studentinnen bereits in jüngeren Jahren häufiger in einer festen Partnerschaft, was sich auch in den von ihnen genutzten Wohnformen zeigt: 23 Prozent der Studentinnen, aber nur 17 Prozent der Studenten teilen sich eine Wohnung mit einem Partner bzw. mit einer Partnerin.

Nur 60 Prozent aller Studierenden sehen ihre Studienfinanzierung als gesichert an. 63 Prozent jobben. Unter den Studierenden im Erststudium arbeiten 30 Prozent mehr als 16 Stunden in der Woche. Im Schnitt jobben Studierende an Fachhochschulen acht Stunden in der Woche neben dem Studium, an Unis 6,3 Stunden. Die meisten Studierenden (90 Prozent) werden von ihren Eltern mit im Schnitt 448 Euro unterstützt. Knapp 29 Prozent bekommen Bafög, im Schnitt 376 Euro im Monat. Im Schnitt kann ein Student/eine Studentin im Monat 770 Euro ausgeben. Für Miete wenden die Studierenden im Schnitt 266 Euro auf, das sind sechs Prozent mehr als bei der Sozialerhebung vor drei Jahren.

Mehr unter: www.studentenwerke.de

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