Studium : Alles drängt nach Berlin

Erstmals seit vier Jahren haben 2007 wieder mehr Abiturienten in Deutschland ein Studium aufgenommen. Überdurchschnittlich viele zieht es in die Hauptstadt.

Tilmann Warnecke
Hochschulen
Da wächst was nach. Bundesländer ohne Gebühren haben besonders viele Studienanfänger. -Foto: Joker

358 000 Erstsemester, 13 000 und damit knapp vier Prozent mehr als im letzten Jahr, schrieben sich für ein Studium ein. Besonders stark ist die Zunahme in Bundesländern ohne Studiengebühren. Diese Zahlen veröffentlichte gestern das Statistische Bundesamt. Hier ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse.


STUDIENANFÄNGER

Die Region Berlin-Brandenburg ist Spitzenreiter beim Erstsemesterzuwachs. In Brandenburg schrieben sich 13,7 Prozent mehr Anfänger ein. In Berlin fingen 22 700 Erstsemester an, der Anstieg lag bei knapp zwölf Prozent. An diese Werte kommen nur Bremen, Thüringen und Sachsen heran (siehe Grafik) – alles Länder ohne Gebühren. In Ländern, wo die Studierenden inzwischen bis zu 500 Euro pro Semester zahlen müssen, ist die Bilanz gemischt. In Hamburg und Niedersachsen begannen mehr als fünf Prozent mehr Anfänger. Baden-Württemberg, Hessen und das Saarland, die auch Gebühren nehmen, sind dagegen die einzigen Länder, in denen die Erstsemesterzahl geringfügig sinkt.

Fliehen also Abiturienten aus gebührenpflichtigen Ländern an die Unis, wo sie für das Studium noch nichts bezahlen müssen? Das ließen die Statistiker gestern offen. Aktuelle Zahlen zur Studierendenwanderung zwischen den Ländern könnten sie erst im Frühjahr vorlegen.

Woran aber liegt der Gesamtzuwachs? In den letzten Jahren waren die Zahlen immer weiter zurückgegangen, obwohl Deutschland im internationalen Vergleich bereits eine sehr niedrige Studierendenquote hat. Könnte der Anstieg allein an der demografischen Entwicklung in Deutschland liegen – weil bereits geburtenstarke Jahrgänge an die Unis drängen? Das sei nicht der einzige Grund, sagen die Statistiker. Da auch der Anteil der Studienanfänger an der gesamten Alterskohorte steige, sei ein Studium für Jugendliche offensichtlich attraktiver als noch im letzten Jahr. 36,6 Prozent des Jahrgangs nahmen ein Studium auf, 2006 waren es noch 35,7 Prozent. Die Quote steigt damit zum ersten Mal seit 2003. Ziel der Bundesregierung ist es, dass 40 Prozent eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) führte den Anstieg auf den Hochschulpakt zurück, mit dem Bund und Länder Platz für 90 000 neue Studienanfänger schaffen wollen. Der Pakt zeige „erste Wirkungen“. Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte, es zeige sich, dass die Hochschulen der Stadt „große Anstrengungen unternehmen“, um die Zielvereinbarungen des Paktes zu erfüllen. Berlin soll bis 2010 im Schnitt jährlich 19 500 Studienanfängerplätze vorhalten, um das im Pakt vereinbarte Geld zu bekommen – und könnte noch mehr Mittel erhalten, wenn es zusätzliche Plätze bereitstellt.

ALLE STUDENTEN

Anders als bei den Erstsemestern ist die Entwicklung bei der Zahl aller Studierenden, die an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind: Diese geht 2007 geringfügig zurück, um gut 30 000 auf jetzt 1,94 Millionen. Hier spielt offensichtlich eine Rolle, dass in vielen Länder die Zahl der Langzeitstudierenden kontinuierlich sinkt. Bundesweit befinden sich nur noch sechs Prozent der Studierenden im 15. oder einem höheren Fachsemester. 2001 waren es noch zehn Prozent. Nur in Berlin, Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen nimmt der Anteil der Langzeitstudierenden gegen den Trend zu. Das sind genau die Länder, die als einzige keine Extragebühren für Langzeitstudenten erheben.

INGENIEURWISSENSCHAFTEN

Jahrelang kamen von den Hochschulen in Deutschland immer weniger junge Ingenieure und Naturwissenschaftler. Jetzt steigt die Zahl der Absolventen in den „MINT-Fächern“ (Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Informatik) wieder, sie hat mit 84 000 fast den Stand von vor zehn Jahren erreicht. „Enorme Steigerungen“ verzeichneten die Statistiker vor allem in der Informatik, auch die Mathematik und die Naturwissenschaften legten zu. Maschinenbau und Elektrotechnik stagnieren dagegen, bei den Bauingenieuren gibt es weiterhin einen Rückgang.

FACHWECHSLER

Knapp 46 000 Studierende wechselten im vergangenen Wintersemester ihr Fach. Die Hälfte tat das bereits in den ersten beiden Semestern. Die Statistiker konnten dabei „keine Schwerpunkte“ erkennen. Das heißt: In keinem Fach sind die Studierenden überdurchschnittlich unzufrieden. Jeder Zweite verbindet mit einem Studienwechsel offenbar einen radikalen Schnitt in der Unikarriere – und wechselt in ein Fach, das mit dem alten nicht „artverwandt“ ist.

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