Studium : Des Bachelors dröge Pflicht

Das Studium soll auf den Beruf vorbereiten. Doch die Kurse sind in der Kritik - und die Motivation ist gering.

Gina Apitz
Was in der Arbeitswelt hilft. Neben dem Fachstudium sollen die Studierenden berufspraktische Kurse belegen. Fremdsprachen sind beliebter als manche Computerkurse.
Was in der Arbeitswelt hilft. Neben dem Fachstudium sollen die Studierenden berufspraktische Kurse belegen. Fremdsprachen sind...Foto: Carofoto

Sie sollen fit machen in Rhetorik, Management und Verhandlungsführung. Berufsvorbereitende Kurse werden allen Bachelorstudenten an den Berliner Universitäten dringend empfohlen. Für Studenten der Freien Universität (FU) sind sie sogar verpflichtend, aber nicht besonders beliebt. Eine interne Befragung ergab vor kurzem, dass nur 25 Prozent der Bachelorstudenten das Gefühl haben, dass die Kurse sie auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Nur knapp über die Hälfte hält sie für eine sinnvolle Ergänzung zum Studium. Eine deutlich schlechtere Bewertung als bei einer Umfrage vor fünf Jahren.

Ein Informatikstudent an der FU unterstützt die Kritik. Vier Kurse der Allgemeinen Berufsvorbereitung (ABV) hat der 22-Jährige besucht. Sein Urteil: „Die meisten waren enttäuschend.“ Sinn und Ziel der Kurse habe er „nicht erkannt“. Ein Kurs über Softwaretechnik entpuppte sich als normales Uni-Seminar, die Programmierkurse waren so einfach, dass er sich den Stoff auch selbst hätte beibringen können. Am schlimmsten fand er ein Seminar zum Datenschutz, das er mit 60 anderen absolvierte. „Das war eine todlangweilige Vorlesung“, kritisiert der Bachelorstudent. In jedem ABV-Kurs müssen die Teilnehmer eine Leistung erbringen. Die Note fließt allerdings nicht in das Bachelorzeugnis ein. Unsinnig findet er diese Regelung. „Dadurch ist die Motivation in den Kursen gering.“

Mit der Einführung der Bachelorstudiengänge verpflichteten sich die Berliner Universitäten, ein Sechstel des Studiums praxisbezogen anzubieten. 30 Leistungspunkte müssen in der Regel über ein Praktikum und berufsvorbereitende Kurse erbracht werden. An der FU sollen die ABV-Kurse den Praxisbezug des Studiums sichern und überfachliche sowie fachnahe Zusatzqualifikationen vermitteln. Aus fünf Kompetenzbereichen müssen die Bachelors zwei auswählen. Sie können Fremdsprachen lernen, ihre Kenntnisse in Word und Excel verbessern oder üben, wie man eine Studentenfirma gründet.

Doch was läuft in der Praxis schief an der Freien Universität? Ronny Matthes von der Hochschulberatung des Asta sieht das Problem in der Überregulierung und der verpflichtenden Teilnahme an den ABV-Kursen. Er fordert, dass die Studenten größere Wahlmöglichkeiten haben und auch fachfremde Kurse aus anderen Studiengängen belegen können. „Es wäre wünschenswert, dass die ABV-Kurse weniger starr sind und nicht länger Kompetenzen fernab der Realität vermitteln.“

Jasmin Touati, Leiterin der Zentraleinrichtung für Datenverarbeitung, die einen Großteil der ABV-Kurse anbietet, ärgert sich über die Ergebnisse der Studentenbefragung. Sie glaubt, dass die vier Fragen zum ABV-Bereich falsch gestellt wurden. „Es gibt nicht eine Frage zur Qualität der Lehre.“ Die sei nämlich ausgesprochen hoch, ebenso die Nachfrage. „Wir könnten doppelt so viele Kurse anbieten.“ Im Bereich IT bewerben sich auf 400 Plätze im Durchschnitt 800 Studenten. „Solche Zahlen sind gar nicht erhoben worden“, kritisiert die FU-Mitarbeiterin. Derzeit feilt sie an einer Stellungnahme, die sie ans Präsidium schicken will. Touati fordert, dass es eine neue Untersuchung geben soll – mit differenzierten Fragen zu den berufsvorbereitenden Kursen.

Michael Bongardt, Vizepräsident für Lehre, hat auf die schlechten Umfrageergebnisse indes schon reagiert. Er wolle aber zunächst genauer herausfinden, „worin die Unzufriedenheit gründet“. Bongardt will studentische Vertreter befragen und Gespräche zwischen Teilnehmern und Kursverantwortlichen organisieren. Der Vizepräsident gibt zu, dass die ABV-Kurse nicht immer optimal auf die Arbeitswelt vorbereiten. „Es gibt eben ein irrsinnig breites Spektrum an Berufen.“ Künftig will er die Plätze in den stark nachgefragten Fremdsprachen aufstocken und „Angebot und Nachfrage besser aufeinander abstimmen“.

An der Humboldt-Universität (HU) werden unbeliebte Kurse schnell mal eingestellt, zum Beispiel wenn viele Studenten das Seminar zu theoretisch finden. Gefällt mehreren der Stil des Dozenten nicht, „können wir uns von ihm auch verabschieden“, sagt Rosemarie Schwartz-Jaroß, Sachgebietsleiterin des Career-Centers. „Wir wollen keine Langweilerkurse anbieten.“ Das Besondere an der HU: Die meisten Seminare werden von externen Dozenten geleitet, die aus der Praxis kommen. Die Studenten arbeiten mit den Lehrenden oft an echten Projekten. In einem Kurs organisierten sie ein Beachvolleyballturnier für Berliner Firmen, in einem anderen planten sie für eine Brillenfirma einen Messeauftritt inklusive Werbekampagne. „Das ist der einzige Bereich, wo sich die Studenten ohne Druck ausprobieren können“, sagt Schwartz-Jaroß. Denn für die Teilnahme bekommen die Bachelors zwar Studienpunkte, aber keine Noten.

An der TU erhalten Teilnehmer nur für die mehrwöchigen „Prepare-Kurse“ Studienpunkte. Eintägige Seminare werden nicht angerechnet. Hewád Laraway nahm in den Sommersemesterferien an einem Rhetorikkurs teil, der im Semester weiterlief. Neben seinem Biotechnologiestudium schaffte er es nicht, den Kurs weiterhin zu belegen. „Deshalb wurde er mir nicht angerechnet“, erklärt der 29-Jährige. Im Vergleich zu FU und HU haben die Bachelors an der TU die größte Freiheit, denn sie können im Modul „Freie Wahl“ auch Lehrveranstaltungen von anderen Unis einbringen. Der Nachteil: Viele Studenten kennen die Kurse des Career-Services nicht, wie auch eine nicht repräsentative Umfrage zeigt: Von acht spontan befragten Bachelors wussten nur zwei, dass Berufsseminare an ihrer Universität existieren.

110 Veranstaltungen bietet die Karrierestelle der TU jährlich an. Diese Zahl könnte sich bald verringern. Die Kosten für die berufsvorbereitenden Kurse trägt die TU zwar zu 60 Prozent selbst. 900 000 Euro kamen aber in den vergangenen drei Jahren vom europäischen Sozialfonds (ESF). Die Förderung läuft Ende des Jahres aus. Ab 2012 muss die Hochschule die kompletten Kosten übernehmen. „Ich bin sicher, dass wir die Kurse dann nicht mehr in dem bisherigen Umfang anbieten können“, befürchtet Christine Herker vom Career-Service. Kürzungen könnte es auch an der Humboldt-Universität geben. Mit 835 000 Euro bezuschusst der ESF dort die berufsvorbereitenden Kurse seit 2008. Auch diese Förderung läuft zum Jahresende aus. Jährlich muss die HU nun etwa 200 000 Euro mehr im Haushalt für die Kurse einplanen. „Unser Bemühen wird sein, das Angebot aufrechtzuerhalten“, sagt Uwe Jens Nagel, Vizepräsident für Studium und Lehre. „Eine Planung dazu liegt noch nicht vor.“

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