Studium : Fachhochschulen fordern eigenes Promotionsrecht

Die Fachhochschulen kritisieren ein unkooperatives Verhalten der Unis bei angestrebten gemeinsamen Promotionen und fordern ein eigenes Promotionsrecht. Doch das soll bei den Universitäten bleiben.

von
Strohschneider
StrohschneiderFoto: dpa

Die Fachhochschulen in Deutschland sollen ausgebaut werden. Um die anhaltend hohe Nachfrage der Studierenden abzudecken, sei es erforderlich, dass Bund und Länder den Ausbau der Fachhochschulen „auf Dauer sicherstellen“, heißt es in einer Stellungnahme des Wissenschaftsrats „zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem“. Zudem müsse das Fächerspektrum weiterentwickelt werden, vor allem in Richtung Lehrerbildung und Gesundheitsberufe. Damit revidiert das Beratungsgremium eine Empfehlung von 2006. Damals war der Wissenschaftsrat von früheren Ausbauappellen abgerückt.

Die Universitäten sollen mit den Fachhochschulen enge Kooperationen eingehen – gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Unternehmen, heißt es in der Stellungnahme, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Solche „Kooperationsplattformen“ würden eine Basis für eine „kontinuierliche Zusammenarbeit in Lehre, Forschung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ zwischen Unis und FHs schaffen.

Gleichzeitig betont der Wissenschaftsrat, man wolle „ausdrücklich keine Aufhebung der Unterscheidung zwischen den Hochschultypen“. Gegen eine Entwicklung wie in Großbritannien, wo die Polytechnics seit den 80er Jahren in Universität umbenannt wurden, haben sich die deutschen Unis immer wieder ausgesprochen. Auch dass der Wissenschaftsrat am „exklusiven Promotionsrecht der Universitäten“ festhält, kommt diesen entgegen.

Die Fachhochschulen kritisieren ein unkooperatives Verhalten der Unis bei angestrebten gemeinsamen Promotionen und fordern ein eigenes Promotionsrecht. Dieses will ihnen auch der Wissenschaftsrat nicht gewähren, das Gremium fordert aber die Unis auf, „die Fachhochschulen selbst angemessen an der Betreuung der Promovierenden zu beteiligen“. Mit dem exklusiven Promotionsrecht der Unis gehe eine Kooperationspflicht einher, betonte Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats. Warum sich die Unis häufig gegen Doktoranden mit einem Masterabschluss von einer Fachhochschule wehren, erklärte Strohschneider so: Bislang gebe es eine „Konkurrenz besonders in Fächern, die an Unis und FHs angeboten werden“, wie in BWL und Ingenieurswissenschaften.

Der Wissenschaftsrat befürworte die gemeinsamen Promotionskollegs der beiden Hochschultypen, die demnächst vom Bundesforschungsministerium (BMBF) ausgeschrieben werden sollen, sagte Strohschneider. Sie könnten im Rahmen der empfohlenen Kooperationsplattformen eingerichtet werden.

Stärken wollen die Gutachter die Forschung an den Fachhochschulen. Es sollten Professuren mit dem Schwerpunkt Forschung eingerichtet werden, für die eine halbierte Lehrverpflichtung von neun Semesterwochenstunden gelte. Bislang war dies kaum möglich, wenngleich einige Länder, darunter Berlin, ihren Fachhochschulen diese Möglichkeit in jüngster Zeit eröffnet haben. Auch für den an den FHs bisher schwach vertretenen Mittelbau setzt sich der Wissenschaftsrat ein: „Ausgewählte wissenschaftliche Mitarbeiter“ sollten künftig eigene Lehrveranstaltungen für Bachelor-Studierende übernehmen können. Damit würden die Fachhochschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs auch von den Universitäten wesentlich attraktiver.

Den Ausbau der Fachhochschulen gegenüber den Universitäten hat der Wissenschaftsrat seit Jahrzehnten empfohlen. In dichter Folge erinnerte das Gremium daran – weil sich kaum etwas tat. Anfang der 90er Jahre wurde das Ziel formuliert, dass 40 Prozent der Studierenden an Fachhochschulen ausgebildet werden sollten. Damals waren es nur knapp 30 Prozent. Doch der Anteil der Fachhochschüler sank zwischenzeitlich sogar – auf 23,3 Prozent im Jahr 2002.

Der Wissenschaftsrat war daraufhin vom Ausbauziel abgerückt. Auch dank des Hochschulpakts, den Bund und Länder 2006 schlossen, um den „Studentenberg“ zu bewältigen, ist der Anteil der Studierenden an Fachhochschulen aber mittlerweile wieder gewachsen, auf 30 Prozent. Vorreiter beim Ausbau ist Nordrhein-Westfalen: Das Land hat drei neue Fachhochschulen gegründet und baut acht bestehende aus, 11 000 neue Studienplätze sollen so entstehen. Bis 2020 will NRW dafür 1,3 Milliarden Euro bereitgestellen. Auch Bayern hat ein FH-Ausbauprogramm aufgelegt. Von den insgesamt 38 000 zusätzlichen Studienplätzen, die bis 2011 aufgebaut werden sollten, sollte die Hälfte an Fachhochschulen entstehen. In Berlin werden laut dem Masterplan für die Wissenschaft von 2008 bis 2011 zusätzlich 1000 Studienanfängerplätze an FHs geschaffen werden; 13 Millionen Euro hat der Senat dafür bereitgestellt. Der dringend nötige räumliche Ausbau werde jedoch nicht finanziert, sagt Bernd Reissert, Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR).

In seiner Empfehlung von 2006 zur zukünftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem hatte der Wissenschaftsrat statt des FH-Ausbaus für „neue, innovative Hochschultypen jenseits der bestehenden Einteilung in Universitäten und Fachhochschulen“ plädiert. Jetzt sagte Strohschneider, der Wissenschaftsrat wolle grundsätzlich an den Typen Fachhochschule und Universität festhalten. Das widerspricht einer EU-Initiative, die „europäische Klassifikation für Hochschulen“, auf der ein neues europaweites Ranking der Hochschulen aufgebaut werden soll.

Künftig sollten teilweise neue Rankingkriterien gelten, die Kritiker bislang in Ranglisten vermissen, sagt Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), der an beiden Projekten mitwirkt. Es solle nicht nur gefragt werden, wie forschungsstark eine Hochschule ist, sondern auch, welche besonderen Stärken sie in der Lehre hat, ob sie eher regional oder international ausgerichtet ist, mehr Grundlagenforschung oder angewandte Forschung betreibt und wie ausgeprägt der Transfer von Technologie und Wissen in Wirtschaft und Gesellschaft ist.

Wenn die Hochschulen nach diesen Merkmalen eingeordnet werden, könnte eine „regional orientierte und auf die Lehre bezogene“ Uni in dieselbe Kategorie wie eine Fachhochschule kommen, sagt Ziegele. Das käme der Forderung der Fachhochschulen entgegen, dass besonders forschungsstarke FH-Fachbereiche ein Promotionsrecht erhalten sollen. Dieser Argumentation aber wollte der Wissenschaftsrat offensichtlich nicht folgen.

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