Ein verpflichtendes Orientierungsjahr will TU-Präsident Thomsen nicht

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Ähnlich wie die TU bietet die Uni Tübingen mit ihrem Leibniz-Kolleg ihren Erstsemestern ein freiwilliges Orientierungsjahr an. Die Leuphana-Universität in Lüneburg verpflichtet gar alle Erstsemester zu einem Jahr gemeinsamen Lernens, bevor die Studierenden sich spezialisieren. Von einer Pflicht zum Orientierungsjahr hält TU-Präsident Thomsen allerdings wenig. „Das widerspricht meinem Grundgedanken, dass Universität ein freier Raum für Bildung ist.“ Er könne es sich vielmehr vorstellen, die Module des Bachelor höherwertig einzustufen, die bereits jetzt das Hineinschnuppern in fremde Studiengänge erlauben. So könnte es mehr Leistungspunkte für das fachfremde Studieren geben.

Die neuen Angebote zwingen Lehrende dazu, ihr Fach neu zu denken

Das würde einem Modell der Uni Erfurt ähneln. Dort sind die Bachelor-Studierenden zwar in ihrem Fach eingeschrieben, lernen aber in größerem Stil als anderswo fächerübergreifend. Alle müssen knapp ein Fünftel der Leistungspunkte mit interdisziplinären Kursen für ihr „Studium fundamentale“ erarbeiten. Ähnlich geht auch die private Universität Witten/Herdecke vor.

Für den Erfurter Politologen Alexander Thumfart, Beauftragter des Fundamentale-Programms, hat sich das Modell bewährt. Wenn es Beschwerden gebe, dann darüber, dass die Uni nicht genügend Fundamentale-Kurse anbiete. In Thumfarts Augen fordern übergreifende Kurse auch die Dozenten heraus, sich noch mehr mit der Qualität ihrer Lehre zu befassen. Da treffe der Jurist auf den Historiker, um an einem Menschenrechtsseminar zu basteln, oder der Literaturwissenschaftler analysiert mit dem Soziologen Thomas Manns „Zauberberg“. Klassische Lehrveranstaltungen würden so aufgebrochen, Lehrende wie Lernende gezwungen, ihr Fach für den anderen neu zu denken.

Physik oder Jura? Konstantin probiert beides aus

Die TU macht die Erfahrung, dass sich viele ihrer Orientierungs-Erstsemester auch in ganz fremde Veranstaltungen hineinsetzen, sagt Programmleiter Schröder. Konstantin zum Beispiel besuchte gleichzeitig Zivilrechtsvorlesungen an der Humboldt-Universität. „Ich hatte schon immer Spaß an Physik“, sagt Konstantin, „aber auch einen Hang zum Rechthaben.“ Neben einer Naturwissenschaft liebäugelt er daher auch mit Jura.

Als Student ginge er der TU verloren. Tatsächlich haben aus der ersten Kohorte drei Viertel der Studierenden ein MINT-Studium aufgenommen. Aber nur jeder Zweite blieb an der TU. Die Uni nehme das in Kauf, sagt Programmleiter Schröder: „Die Studierenden sollen herausfinden, was sie wollen.“ Die TU plant daher auch eine Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer. Wer sich nach einem Jahr entscheidet, dass ein Studium nichts für ihn ist, soll es leichter auf einen Ausbildungsplatz schaffen.

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