Studium : (K)ein Platz im Osten

Wer nicht an einer Uni im Westen unterkommt, soll es in den neuen Ländern versuchen, heißt es. Doch auch dort wird es langsam eng

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Vieles in Bewegung. Die Baugerüste sind gefallen, der Lehrbetrieb im neuen Hauptgebäude der Uni Leipzig soll 2012 starten. Foto: dpa
Vieles in Bewegung. Die Baugerüste sind gefallen, der Lehrbetrieb im neuen Hauptgebäude der Uni Leipzig soll 2012 starten. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

„Zum Studieren nach Fernost.“ Mit diesem Slogan werben ostdeutsche Hochschulen um mehr Studierende vor allen aus dem Westen. Abwanderung und Geburtenrückgang haben die neuen Länder entleert, während im Westen die letzten starken Geburtenjahrgänge ins Studierendenalter kommen. Zugleich verlassen nach der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur doppelte Jahrgänge die Schule. Zusätzlich entfällt die Entlastung der Hochschulen durch die Aussetzung der Wehrpflicht. Im Westen ist es voll.

Von Berlin aus gesehen sind darum besonders die schnell zu erreichenden Unis in Leipzig und Halle-Wittenberg interessant. Wenn 2012 in Brandenburg und Berlin gleichzeitig die doppelten Abiturjahrgänge kommen, könnte es einen enormen Ansturm auf diese „Nachbarunis“ geben.

Doch in Leipzig wird es schon jetzt eng. Die Universität meldet einen Bewerberrekord. Für dieses Wintersemester haben sich 31 000 Schulabgänger um Studienplätze beworben – zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Das ist viel für eine ostdeutsche Universität mit derzeit 28 596 Immatrikulierten. Die Hälfte der neuen Bewerber kommt aus westlichen Bundesländern, sagt der Prorektor für Bildung und Internationales, Claus Altmayer.

Bisher konnte Leipzig rund 6700 Studienanfänger im Jahr aufnehmen. Sollen es mehr werden, müsste die Uni von ihrer Richtlinie für Seminargrößen abweichen. Seit der Wende galt eine Zahl von 30 Studierenden pro Seminar. Aufgrund steigender Bewerberzahlen wurde die Quote schon vor einigen Jahren auf 40 erhöht. Angesichts des sich bereits abzeichnenden Ansturms von Studierenden, in einen Kurs 60 Studienanfänger zu lassen, würde die Hochschule an ihre Grenzen bringen, sagt Altmayer. „Dann müssen wir zwei Gruppen bilden, und dazu brauchen wir zusätzliches Personal.“

Das ist nicht in Sicht. Sachsens Staatsregierung setzt die Hochschulen des Landes neuerdings unter Spardruck. Sie sollen 1000 Stellen bis zum Jahr 2020 abbauen. Begründet wird dies mit Sparzwängen und angeblich sinkenden Studierendenzahlen. Die Staatsregierung argumentiere, in den neuen Ländern habe es nach der Wende einen starken Geburtenrückgang gegeben, berichtet Altmayer. Die Grundidee des Hochschulpakts für den Osten ist offenbar an der Landesregierung vorbeigegangen. Bund und Länder bezahlen die Hochschulen im Osten über den Hochschulpakt dafür, dass sie ihre Aufnahmekapazitäten aus dem Jahr 2005 halten und nicht wegen des Geburtenrückgangs nach der Wende die Studienplätze verringern.

Die Universität Leipzig müsste 72 Stellen zwischen 2013 und 2015 streichen, um die Auflagen zu erfüllen. Und das nicht nur in der Verwaltung, sondern vor allem in Forschung und Lehre. Die Universität hat 4936 Mitarbeiter, darunter 430 Professoren. Sollte die Sparforderung nicht zurückgenommen werden, könne die Hochschule „nicht über die heutigen Zulassungszahlen hinausgehen“, sagt der Prorektor.

Noch hat die Universität viel mehr Studiengänge ohne NC als die Berliner Hochschulen. Begehrte Fächer wie Jura, Geschichte und Wirtschaftsinformatik haben keine Zulassungsbeschränkung. Doch der Druck nimmt zu. Fielen im Jahr 2009 noch 19 der 44 Bachelor-Studiengänge unter den Numerus Clausus, sind es zu diesem Wintersemester bereits 23. Für Germanistik, Anglistik oder Wirtschaftswissenschaften können sich Bewerber nur noch mit dem entsprechenden Notenschnitt einschreiben. Allerdings ist der verlangte Schnitt nicht so streng wie in Berlin. Im vergangenen Jahr lag der NC für Germanistik in Leipzig etwa bei 2,5 und in BWL bei 2,4. Unter den Lehramtsstudiengängen sind nur noch Physik, Chemie, Griechisch, Polnisch und Tschechisch NC-frei.

Attraktiv ist Leipzig allemal – als Studenten- und Messestadt mit einer lebendigen Kultur- und Kneipenszene. Wie wichtig die Universität für die Stadt ist, zeigt schon ihr Standort: Am zentralen Augustusplatz stehen die Oper, der Konzertsaal des Gewandhausorchesters, der Wolkenkratzerturm des Mitteldeutschen Rundfunks – und das Hauptgebäude der Uni. In der DDR hatte die „Karl-Marx-Universität“ ähnlich wie die Humboldt-Universität zu Berlin den Auftrag, die Elite für den Staat heranzubilden. Sinnbildlich war es, dass die im Zweiten Weltkrieg geringfügig beschädigte gotische Universitätskirche St. Pauli 1968 gesprengt wurde, um an ihre Stelle einen Zweckbau mit einem großen Relief von Karl Marx über dem Eingang zu setzen. Kritische Geister wie der Philosoph Ernst Bloch oder der Literaturwissenschaftler Hans Mayer wurden schikaniert und wechselten an Universitäten im Westen. Doch das alles ist Geschichte. Dafür steht auch das im Bau befindliche neue zentrale Universitätsgebäude, in das eine moderne Rekonstruktion der Kirche integriert ist.

In Halle-Wittenberg sind die Chancen auf einen Studienplatz noch deutlich besser als in Leipzig. Die Bewerberzahlen sind zwar schon vor drei bis vier Jahren hochgegangen, doch es gibt noch freie Kapazitäten (siehe Infokasten). Die Uni bietet rund 180 Studiengänge an, davon 97 im Bachelor. In diesem Jahr sind 57 der grundständigen Studiengänge NC-frei – das sind sogar drei mehr als im vorigen Jahr. Der Prorektor für Studium und Lehre, Christoph Weiser, spricht sich gleichwohl gegen eine radikale Öffnung für den erwarteten Studentenansturm ab 2012 aus. „Wir wollen eine Seminargröße in der Größenordnung von 30 bis 40 Teilnehmern einhalten.“

Sparauflagen wie in Sachsen befürchtet Weiser nicht – trotz des auslaufenden Solidarpakts und der ab 2020 geltenden Neuverschuldungsgrenze. Die Politiker seien sich durchaus bewusst, dass attraktive Ausbildungsplätze an Schulen, Hochschulen und Universitäten zur Ansiedlung von Unternehmen beitragen. Schon jetzt herrscht Fachkräftemangel im Land.

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