Studium : Pädagogen unter Druck

Gemischte Noten für das neue Lehrerstudium der Freien Universität. Immerhin ein Viertel der Studierenden im Master sagt, sie haben psychische Probleme.

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Gut unterrichtet? -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wird die Lehrerausbildung besser? Davon hängt für die Qualität der Schulen viel ab. Als die Freie Universität jetzt die Evaluation der neuen Ausbildung im Masterstudium diskutierte, gingen die Meinungen über die Wirkung der Reform jedoch weit auseinander. „Es ist nicht alles befriedigend, aber die Tendenz ist positiv“, fasste die Erziehungswissenschaftlerin Felicitas Thiel die Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Hingegen nannte Mechthild Koreuber, die Frauenbeauftragte der FU, es „verheerend“, dass deutlich weniger Studierende im neuen Masterprogramm sich in der Lage sehen, die Heterogenität der Schülergruppe in ihrer Unterrichtsplanung zu berücksichtigen, als Studierende im alten Studium (69 Prozent gegenüber 88 Prozent). Schließlich müssten Lehrer immer häufiger mit sozial gemischten Gruppen umgehen – erst recht in Berlins neuer Sekundarschule.

Im Sommer vergangenen Jahres waren 140 von insgesamt 218 Studierenden befragt worden, die vom ersten bis zum vierten Semester im Lehrermaster der FU immatrikuliert sind. Zum Vergleich wurden 315 Studierende befragt, die noch in den alten Staatsexamensstudiengängen eingeschrieben sind (im Schnitt waren sie im 13. oder im 14. Fachsemester).

Aufsehen im Akademischen Senat erregte auch der Befund, dass 25 Prozent der Studierenden im Lehramtsmaster dem Satz zustimmen: „Ich bin häufig krank/habe psychische Probleme.“ Im alten Lehrerstudium sagen das 18 Prozent. Unter den 2008 befragten Bachelor-Studierenden hatten 21 Prozent angegeben, sich häufig krank und psychisch gestresst zu fühlen. Im Lehrermaster gibt es also ein „ernst zu nehmendes Problem“, wie es in der Studie heißt. Der Politologe Hajo Funke erklärt sich die vielen labilen Studierenden mit dem überladenen Studium: „Es muss zu schnell zu viel studiert werden.“ So sieht das auch der Germanist Peter-André Alt und forderte mehr Wahlfreiheit und Hilfe durch Mentoring.

In der Tat ist die Zufriedenheit mit der inhaltlichen Breite des Lehrangebots gegenüber dem alten Studium weit zurückgegangen (auf 38 Prozent gegenüber 70 Prozent): Die Wahlfreiheit der Masterstudierenden ist deutlich eingeschränkter. Nur die Hälfte der Befragten glaubt, dass sie das Studium in der vorgeschriebenen Regelzeit schaffen kann. Jeder Dritte findet den Leistungsdruck zu groß – weit mehr als im Staatsexamen (vier Prozent).

Viele Lehramtsstudierende leiden aber auch unter der Doppelbelastung, nebenbei Geld verdienen zu müssen: 71 Prozent gaben an, im Schnitt 13,4 Stunden wöchentlich während der Vorlesungszeit und 17,5 Stunden in den Semesterferien zu jobben. Die Hälfte sagt, es sei schwierig, Studium und Job zu vereinbaren.

Wer wird Lehrer? Zu zwei Dritteln sind die Befragten weiblich. Der Abischnitt im Master beträgt 2,2, der Schnitt des Bachelorabschlusses 2,0. Im Durchschnitt sind die Masterstudierenden jünger als die Staatsexamenskandidaten (74 Prozent sind 26 Jahre alt oder jünger – das trifft bei den Studierenden der alten Studiengänge nur auf 26 Prozent zu).

Als Motiv für die Berufswahl wird meist pädagogisches Interesse (mehr als 95 Prozent) und fachliches Interesse (90 Prozent) angegeben. 78 Prozent sagten, der Beruf ermögliche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Etwa zwölf Prozent geben an, das Studium mangels besserer Alternativen gewählt zu haben. 20 Prozent finden den Lehrerberuf attraktiv, weil einem niemand bei der Arbeit reinrede.

Die Qualität der Lehre wird von den Masterstudierenden deutlich besser bewertet als von den Studierenden in den alten Studiengängen. 90 Prozent sagen, die Lehrenden seien gut vorbereitet (alte Studiengänge 80 Prozent), die Seminare seien gut strukturiert (82 Prozent gegenüber 67 Prozent). Allerdings empfinden weniger Masterstudierende die Kurse als abwechslungsreich gestaltet (35 Prozent gegenüber 40 Prozent). 16 Prozent der Masterstudierenden kritisieren, die fachwissenschaftlichen Vorlesungen seien zu theoretisch, zu speziell und nicht auf die Bedürfnisse der angehenden Lehrer abgestimmt. Nur 39 Prozent der Masterstudierenden meinen, dass sie eine gute Rückmeldung für ihre Leistungen bekommen. Vielleicht hätten die Dozenten „aufgrund der stark erhöhten Prüfungsverpflichtung“ weniger Zeit für individuelle Rückmeldungen, so die Studie. Auch bei den Bachelorstudierenden hatten nur 39 Prozent gesagt, sie bekämen „Feedback“.

Noch nicht geglückt ist offenbar auch die Abstimmung der Kurse in den Modulen. Im Bachelor hatten 60 Prozent gesagt, die Inhalte seien abgestimmt, die Form der Lehrveranstaltung sei den Qualifikationszielen angemessen. Im Master sagt das nur ein Drittel bis zur Hälfte. Nur zehn Prozent beklagen jedoch, dass die Anforderungen nicht zu den dafür vergebenen Leistungspunkten passen.

Das Zentrum für Lehrerbildung wird von seinen Nutzern meist positiv bewertet. Allerdings haben nur ein Viertel der Befragten das Angebot der Studienberatung genutzt. Der Berliner Senat beobachtet die Effizienz der Uni-Zentren mit Interesse und hält sich die Option offen, gegebenenfalls auch ein hochschulübergreifendes Lehrerzentrum zu etablieren – was aus Sicht mancher Wissenschaftler aber der Wiederauferstehung der Pädagogischen Hochschule gleichkäme.

An einer altbekannten Schwachstelle des Lehrerstudiums, der Verbindung von Theorie und Praxis, zeigt die Umfrage eine deutliche Verbesserung – allerdings auf niedrigem Niveau: Knapp 30 Prozent äußern sich positiv (im Staatsexamen waren es nur etwa 17 Prozent).

Mit der Betreuung im Unterrichtspraktikum sind die Studierenden eher zufrieden. Allerdings thematisieren ihre Betreuer „wichtige Aspekte des Klassenmanagements wie Störungsprävention und -intervention sowie Regelklarheit“ seltener als methodische Fragen. Noch seltener besprechen die Mentoren das wichtige Thema Binnendifferenzierung. Die Uniseminare, die das Schulpraktikum begleiten, werden nur von 46 Prozent als gute Vorbereitung betrachtet. Auch die Nachbereitung des Praktikums an der Uni findet nur die Hälfte als hilfreich.

Erheblich besser als die Staatsexamenskandidaten schätzen die Master allerdings ihre Fähigkeit ein, die Leistungen der Schüler zu beurteilen. Und 64 Prozent der Masterstudierenden sagen, sie seien mit ihrem Studium eher zufrieden (Staatsexamen 52 Prozent). 74 Prozent würden wieder an der FU studieren.

Näheres über die Lehrerbildung wird die große „Palea“-Studie berichten, die Manfred Prenzel (TU München) und Jens Möller (Kiel) leiten. Die FU gehört zu den zwölf Hochschulen, die in der vom Bundesbildungsministerium unterstützten Längsschnittstudie untersucht werden. Erste Ergebnisse soll es im kommenden Jahr geben. Anja Kühne

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