Studium : Reinstopfen und vergessen

Die Uni-Rektoren wollen eine bessere Lehre. Zwanzig bis 50 Prozent der Lehrveranstaltungen sollen wieder frei gewählt werden können.

„Bulimie-Learning“ heißt eine neue an den Hochschulen grassierende Krankheit. Vor allem Studierende in Bachelorstudiengängen sind gezwungen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen in sich hineinzustopfen, es kurz darauf auszuwerfen und schließlich für alle Zeiten zu vergessen. Um die Lern-Brech-Sucht an den Hochschulen zurückzudrängen, hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) am Dienstag in Jena ein Strategiepapier zur Reform der Lehre verabschiedet. Die HRK wünscht, dass die Wissenschaftler an der Basis und auch die Akkreditierungsagenturen die Hinweise berücksichtigen.

Im Mittelpunkt steht ein verändertes Verständnis vom Lehrbetrieb. Die Studierenden sollen nicht „passiv Wissen aufnehmen“, wie die HRK-Präsidentin Margret Wintermantel am Mittwoch in Berlin sagte, sondern darin unterstützt werden, sich selbstständig Kompetenzen anzueignen. Dazu gehörten ein Dialog zwischen den Lehrenden und Studierenden, ein regelmäßiges Feedback oder auch Prüfungsformen, die über stumpfe Wissensabfragen hinausgehen, etwa, indem die Studierenden Ergebnisse selbst durchgeführter Projekte präsentieren. Das Studium müsse „individuelle Entfaltungsmöglichkeiten“ zulassen, heißt es in dem Papier. Zwanzig bis 50 Prozent der Lehrveranstaltungen sollten frei gewählt werden können.

Eine Verlängerung des Bachelors von den üblichen sechs auf sieben oder acht Semester hält die HRK-Generalsekretärin Christiane Gaehtgens hingegen nur für sinnvoll, wenn ein Fach spezielle Sprachkenntnisse verlange oder Studierende Auslandssemester einlegten.

Bei der Bologna-Reform gemachte Fehler hätten vermieden werden können, hätte die Reform nicht kostenneutral umgesetzt werden müssen, betonte Wintermantel. Um die Lehre zu verbessern, bräuchten die Hochschulen bis 2020 durchschnittlich 2,6 Milliarden zusätzlich. Allein bis 2014 seien 12,7 Milliarden mehr zu investieren. Nach HRK-Angaben gibt Deutschland jährlich etwa 24 Milliarden Euro für die Hochschulen aus. Vierzig Prozent fließen in die Lehre, Vierzig Prozent in die Forschung, der Rest in Dienstleistungen. akü

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